Kultur : Ein ganz persönlicher Blick ins nächste Musikjahrtausend

Dieter Schnebel

2000! Der Beginn des nächsten Millenniums - das verheißt eine neue Zeit, den Anbruch einer Epoche, Möglichkeiten die Fülle. Wie ein Tor (um es in einem kitschigen Bild zu sagen) hinaus in ein weites Land mit unendlichem Horizont im hellen morgendlichen Licht. Charles Ives träumte schon 1915 von einer "Universe Symphony", wo verschiedene Ensembles, Chöre, Orchester, Solisten in einem großen Landschaftsareal verstreut sind und die Hörer mal fern, mal nahe Rhythmen, Klänge, Melodien vernehmen, ja sich das Werk erwandern. Solche utopische Sinfonie mag als visionäre Ouvertüre eines neuen Jahrtausends erscheinen.

Tatsächlich, was könnte darin, auch bloß schon im nächsten Jahrhundert alles möglich sein. Zuerst einmal die eine Welt der wirklich vereinten Nationen. Dann auch deren vereinte Musik. Wie viel Besonderes mag es da geben - bei den laotischen Bergvölkern und ihrem Gesang, bei ghanesischen Trommlern, bei den tanzenden Derwischen aus der hinteren Türkei - all das schon ein wenig bekannt durch internationale Kulturarbeit. Aber Vereinigungen sind schwierig, denken wir an die deutsche, oder auch nur die einer Ehe, einer Freundschaft.

Aber die Verheißung, die Möglichkeit eines Anderen, Unverbrauchten bleibt, wird ewig locken. An der Wende zum letzten Millennium, im Jahre 1000, stiegen die Menschen auf die Berge - wie unlängst bei der säkularen Sonnenfinsternis - , um das Aufgehen eines Neuen (Reiches) schon von fern zu erleben. Aber haben wir nicht jetzt schon die neue Zeit? Das Neue ist längst unter uns - gerade in der Musik. Da erzeugt eine sibirische Schamanin nie gehörte Frequenzen, mal erschreckend grell, mal fast unhörbar. Da macht einer Musik für Gehörlose bzw. mit ihnen, und ihre Gesten und rudimentären Laute erzeugen nebst den hörbaren Instrumentalklängen eine bewegte und bewegende "sichtbare Musik". Da zieht das lärmige und maschinelle Pulsieren eines Rhythmus Tausende an, verschafft die Ekstase einer Love Parade. Da zelebriert einer in höchster Konzentration Stille als Musik. Da dirigiert ein großer Maestro seine Philharmoniker zu aufstrahlendem Klang wie zu atemlos Leisem. Da wandern künstliche Klänge mittels Elektronik im Raum, ziehen langsame Kreise oder verknäulen sich plötzlich. Da vereinen sich Menschen meditativ in einstimmigem Gesang, der im sakralen Raum mystisch verhallt.

Das neue Jahrhundert/Jahrtausend wird uns noch ungleich mehr derartiges bescheren - der Erfindungsdrang der Menschen ist unerschöpflich. Was könnte von 1,2 Milliarden Chinesen, 1 Milliarde Inder, von den Hunderten afrikanischer Stämme alles an Rhythmen, Klängen, Melodien kommen, wenn nur aus jeden 100 Millionen ein kleiner Beethoven erstünde? An der Wende 2099/2100 könnte an Jahrhundertfiguren - wenn dann noch welche gefragt wären - neben Wolfgang Rihm und Tan Dun vielleicht mit einer kirgisischen Stimmvirtuosin, einem sudanesischen Sinfoniker und einer Musiktheaterkünstlerin aus dem Stamm der Navajos zu rechnen sein.

Freilich wird es auch Kämpfe geben, und vieles wird verschwinden. Womöglich ist plötzlich die ganze Kultur chinesisch dominiert. Pekingopern in Verona, Epidauros, Avignon. John Cage, eine Jahrhundertfigur unseres Säkulums, publizierte 1963 ein Buch mit dem schönen Titel "A Year from Monday" (Montag übers Jahr), und darin bildete ein "Diary" den roten Faden: "How to improve the World - you will only make matters worse" (Wie die Welt verbessern - du kannst sie nur schlimmer machen). Wird nicht doch alles noch schlimmer - etwa das große Gedudel als Zukunft der Musik? Aber Cages Buch hatte doch einen optimistischen Schluss: "Renunciation of competition. World-enlightenment - Not a victory, just something natural." (Verzicht auf Konkurrenzkampf. Weltweite Aufklärung. Nicht durch Siege, sondern ganz natürlich. Zitat von Buckminster Fuller). Ja, es darf keine Siege mehr geben. Vielmehr ein großes Sich-Begegnen und einen wirklichen Austausch der Kulturen, ihrer verschiedenen Musiken. Eine wahre Weltmusik als ungeheure Polyphonie.



Dieter Schnebel gehört zu den profiliertesten Komponisten Deutschlands. Der 1930 im Schwarzwald Geborene arbeitete zunächst als Pfarrer, bevor er sich 1953 ganz der Musik verschrieb. Seit 1976 unterrichtet Schnebel an der Berliner Hochschule der Künste experimentelle Musik und Musikwissenschaft. Als jüngstes Werk Schnebels wurde 1998 seine Oper "Majakowskis Tod" mit großem Erfolg in Leipzig uraufgeführt.

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