• Ein ganzes Jahrhundert Sozialgeschichte am Beispiel der Straße zwischen Wedding und Prenzlauer Berg

Kultur : Ein ganzes Jahrhundert Sozialgeschichte am Beispiel der Straße zwischen Wedding und Prenzlauer Berg

Sonja Bonin

Sie ist kein Muss im Reiseführer und nicht die Straße der ganz großen Geschichte. Eher eine unauffällige Wohnstraße, die Wedding mit Prenzlauer Berg verbindet. Und doch lässt sich am Beispiel der Gleimstraße ein ganzes Jahrhundert deutscher Sozialgeschichte nachvollziehen. Ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Heimatmuseen Wedding und Prenzlauer Berg hat genau das unternommen und jetzt einen Sammelband, mit vielen historischen Fotos, herausgegeben.

Zweimal war die Gleimstraße geteilt, einmal durch eine Eisenbahnlinie, ehe 1905 der Gleimtunnel gebaut wurde, dann durch den Todesstreifen zwischen West- und Ost-Berlin. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts war das noch ein verruchtes und gefährliches Gebiet gestrandeter Existenzen, das sich mit der neuen Bebauung zum Arbeiterbezirk entwickelte. Aus dem Ostteil pilgerten die Arbeiter und kleinen Angestellten in die großen Fabriken in Wedding wie AEG, Osram, Schering, vorbei an den vielen kleinen Ladengeschäften und Kneipen, die durch dieses Laufpublikum ihr Auskommen fanden. In der Mitte der Straße entstand mit dem Falkplatz der damals größte öffentliche Schmuckpark der Stadt. Bis zum Zweiten Weltkrieg bot er Kindern eine Spielfläche und die Kulisse für zahllose Sonntagsfotos. Dann war Krieg, Bomben fielen, und ein großer Feuerlöschteich wurde gebaut, aus dem die Anwohner zum Schluss des Krieges, trotz Beschuss und der Gefahr durch Typhus-Bakterien, auch ihr Trinkwasser bezogen. Am 22. April 1945 gelangten die ersten Soldaten der Roten Armee bis in die Gleimstraße und lieferten sich dort Gefechte mit der SS. Dazwischen versuchten viele Anwohner, im ehemaligen SS-Versorgungslager Lebensmittel zu organisieren. Zeitzeugen erinnern sich noch sehr gut daran, ebenso an die "Eintopfsonntage", an denen für einen Groschen Suppe verteilt wurde, und an die KZ-Häftlinge, die man mit Lastwagen zur Zwangsarbeit hierher brachte. Als endgültig alles vorbei war, lagen die Toten, Deutsche und Russen, Zivilisten und Soldaten, in langen Reihen auf dem Falkplatz, und die Angehörigen zogen vorbei, um ihre Gefallenen zu identifizieren und an Ort und Stelle zu beerdigen.

Schon acht Jahre später, am 17. Juni 1953, sollten wieder sowjetische Panzer vor dem Gleimtunnel auffahren und wieder russische Soldaten auf dem Falkplatz biwakieren. Kurz nach dem Krieg aber, als die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung das drängendste Problem war, mutierte der Falkplatz zunächst wieder zur Kleingartenkolonie, von den Besitzern notdürftig bewacht, denn es gab keinen Schutzmann, keine Beleuchtung, dafür viele Menschen, die hungerten. Als am 13. Augut 1961 der Eiserne Vorhang fiel, wurde der Gleimtunnel zugemauert. Es wurde still auf beiden Seiten des Grenztunnels: Westseits endete die Straße in einer verkehrsverschonten Sackgasse, ostseits sonnte man sich auf dem verbliebenen Teil des Falkplatzes, immer in Sichtweite der Grenzer auf ihren Wachtürmen. Heute treffen sich Ost und West im Mauerpark entlang der ehemaligen Grenze.Grenzgänger. Wunderheiler. Pflastersteine. Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin. BasisDruck, Berlin 1998. 450 Seiten. 34,80 Mark

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