• Ein Gekränkter teilt aus - Der ehemalige Manager des Flick-Konzerns über Wirtschaft, Politik, falsche Freunde und Parteispenden

Kultur : Ein Gekränkter teilt aus - Der ehemalige Manager des Flick-Konzerns über Wirtschaft, Politik, falsche Freunde und Parteispenden

Christian Böhme

Dieses Buch ist einseitig, aber in seiner Einseitigkeit auch ehrlich. Es erzählt die Geschichte von Eberhard von Brauchitsch: Einst Vorzeigemanager, dann Buhmann einer aufgebrachten, weil vom Geklüngel zwischen Politik und Wirtschaft enttäuschten Republik. Früher der große Mann des Flick-Konzerns, stolperte er später über seine großzügigen finanziellen Beiträge ("Besonders beliebt waren Barzahlungen.") zur "Pflege der Bonner Landschaft". Zu Unrecht, wie der Autor immer wieder betont. Und der heißt Eberhard von Brauchitsch.

So sind die Erinnerungen des 1926 in Berlin geborenen Juristen die eines Verschwörungsopfers, dem in der berühmt-berüchtigten Parteispenden-Affäre übel mitgespielt wurde. Voll Bitterkeit und Zorn schimpft von Brauchitsch über die "denunziatorischen Absichten" der Presse, aber auch über einstige politische Freunde, die ihn in Zeiten der Not im Regen stehen ließen und sich im entscheidenden Moment an nichts mehr erinnern konnten. "Sie litten plötzlich unter starkem Gedächtnisschwund." Überall macht der überzeugte Konservative mit dem ausgeprägten Standesbewusstsein Versäumnisse, Unaufrichtigkeit, Neid, Missgunst und Fehler aus - nur nicht bei sich selbst. Schuld waren immer die anderen.

Dabei hätte man auf Grund des mittlerweile großen zeitlichen Abstands zu den Ereignissen ein bisschen mehr Selbstkritik von dem Mann erwartet, der doch schreibt, damals sei "das Vertrauensverhältnis zwischen Wirtschaft und Staat, eine der Grundlagen unserer Demokratie und unseres Wohlstandes, nachhaltig gestört" worden. Schade, dass der ansonsten um deutliche Worte selten verlegene von Brauchitsch - der eigentlich Journalist werden wollte - gerade in diesem Fall das Schweigen vorzieht. Schade, dass das 300-Seiten-Werk nicht mehr Licht ins Dunkel des "Bargeld-Pornos" bringt, über den sich Heinrich Böll erregte. Überraschend hat sich von Brauchitsch zu sehr an sein eigenes Vorwort gehalten: "Um Verletzungen anderer zu vermeiden, habe ich bewußt auf die Schilderung bestimmter Ereignisse und Zusammenhänge verzichtet."

Ja, die Ereignisse und deren Zusammenhänge - bei der Parteispenden-Affäre ein verwirrendes Knäuel. Es ging damals um sehr viel Geld; Geld, das die Parteien und deren Politiker dringend benötigten. Als Gegenleistung erhoffte sich der üppig spendende Flick-Konzern "Freiraum" für unternehmerisches Handeln. Namentlich ging es zwischen 1975 und 1981 um den Verkauf von Flicks Daimler-Aktien. Die daraus erhofften zwei Milliarden Mark Gewinn wollte der Konzern steuerfrei wieder anlegen, und aus dem Bonner Wirtschaftsministerium sollte dafür das grüne Licht kommen. Aber die Sache wurde publik. Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff von den Freien Demokraten und Bundestagspräsident Rainer Barzel (CDU) traten zurück. Es gab einen Untersuchungsausschuss und ein Gerichtsverfahren. Von Brauchitsch wurde zwar vom Vorwurf der Bestechung und der Vorteilsgewährung ("Ich wäre nie auf die Idee gekommen, einem Gesprächspartner irgendeine Avance zu machen.") freigesprochen, aber wegen Steuerhinterziehung zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren auf Bewährung und 550 000 Mark Geldstrafe verurteilt. Das alles muss man im Buch suchen.

Das politische und juristische Nachspiel dieser missglückten Transaktion hat von Brauchitsch persönlich hart getroffen. Die Weggefährten von einst behandelten ihn wie einen Aussätzigen. Aus dem Strahlemann war ein Sündenbock geworden. Hätte von Brauchitsch nicht ahnen müssen, dass ihn die Politik fallen lassen würde, sobald Gefahr im Verzug war? Schenkt man seinen aufschlussreichen Ausführungen über das Verhältnis von Wirtschaft und Politik Glauben, war eigentlich nichts anderes zu erwarten. Hier dreht von Brauchitsch nämlich den Spieß um: Seiner Meinung nach war die Parteispenden-Affäre wenn überhaupt, dann eine Schutzgeldaffäre. "Die Wirtschaft", schreibt er, "erkaufte sich nicht das Wohlverhalten der Parteien, um eine ihren Interessen günstige Politik zu schaffen, sondern umgekehrt, das Wohlverhalten der Politiker gegenüber der Wirtschaft war davon abhängig, daß die Wirtschaft ihren Obolus entrichtete." Und: "Die Wirtschaft zahlte Schutzgelder, um sich vor Repressionen in Form wirtschaftsfeindlicher Politik zu schützen."

So kann man es auch sehen. Aber einerlei, ob es sich um eine Parteispenden- oder um eine Schutzgeld-Affäre handelte, einig weiß sich von Brauchitsch mit seinen Gegnern in einem Punkt: Es habe sich damals ein "Verfall der politischen Sitten in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß" offenbart. Dass wiederum dieser Sittenverfall ans Licht kam, führt von Brauchitsch auch auf schnöden Neid zurück. "Es war das Aufbegehren der Basis gegen das Parteiestablishment, das die Schutzgeldpraxis weit über den Anlaß hinaus zu einer öffentlichen Affäre werden ließ." Nicht über die Geldbeschaffung sei man auf den Hinterbänken entrüstet gewesen, sondern darüber, dass man selber "in die Röhre gucken" musste.

Politik - doch ein schmutziges Geschäft? Von Brauchitsch macht keinen großen Hehl daraus, dass er von den meisten Mitgliedern dieser Kaste nicht viel hält. Vieles liege seit Jahren im Argen: Der Staat mische sich zu sehr in die Belange der Wirtschaft ein; die soziale Marktwirtschaft sei zu einem Werkzeug der Klientenpflege verkommen; der Aufbau Ost komme nicht voran; das Bündnis für Arbeit ergehe sich in philosophischen Diskursen; die Sozialpolitik laufe aus dem Ruder. Kaum ein Kapitel vergeht ohne Schelte für die Verantwortlichen. Von Willy Brandt über Helmut Kohl bis Gerhard Schröder, alle haben es versäumt, Fehlentwicklungen angemessen zu bekämpfen.

Nach der Lektüre weiß man: um Deutschland ist es schlecht bestellt. Daran wird sich nach von Brauchitschs Überzeugung sobald auch nichts ändern: Denn mit der seit einem Jahr amtierenden rot-grünen Regierung ist aus seiner Sicht ein "nochmaliger Zuwachs an Inkompetenz" erreicht. Eine verwegene Einschätzung ist das, obwohl ihr manch einer sogar zustimmen wird. Von Brauchitsch allerdings versteigt sich zu einem Frontalangriff und schießt dabei noch übers Ziel hinaus. Zum Beispiel seien Otto Schily oder Joschka Fischer auf Grund ihrer Vergangenheit durch ausländische Geheimdienste erpressbar, die Zuverlässigkeit der betreffenen Ressorts sei zu bezweifeln. Generell hätten die Grünen Amtsträger ideologische Vorbehalte gegenüber jeder Form des technischen Fortschritts. Aber gerade der ist laut von Brauchitsch der "entscheidende Faktor für Arbeit und Wohlstand". Die Liste der Vorwürfe ist lang.

Eberhard von Brauchitsch teilt aus. Es sind die harschen Worte eines zutiefst Gekränkten. Das kann man menschlich nachvollziehen, ist aber zu wenig, um das Buch interessant zu machen. Keine Enthüllungen, heißt es im Klappentext. Das Versprechen wurde, was die Sache angeht, gehalten. Leider.Eberhard von Brauchitsch: Der Preis des Schweigens. Erfahrungen eines Unternehmers. Propyläen-Verlag, Berlin 1999. 304 S. 44 DM.

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