Kultur : Ein Gesicht, ein Held, ein Opfer

Dokfilm über den ersten toten GI im Irak-Krieg

Kai Müller

Als sein Bild um die Welt ging, war er tot. Das Foto zeigte einen ernsten jungen Mann in der Paradeuniform des US-Marines-Korps, der in die Kamera des Armeefotografen blickt, die weiße Mütze tief ins Gesicht gezogen. Von seiner Beisetzung berichteten alle großen amerikanischen Fernsehsender. Denn José Antonio Gutierrez war das erste amerikanische Opfer im Irak-Krieg, er wurde 29 Jahre alt.

Ein Gesicht, ein Held. Man interessiert sich selten für die Lebensgeschichten gefallener Soldaten, zumal ihre Zahl im Irak allmählich in die Legion geht. Umso lehrreicher ist, was die Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna in „Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez“ (in Berlin in den Kinos Acud und fsk) über den vermeintlichen Nationalhelden in Erfahrung bringt. Dass er durch das Feuer der eigenen Leute starb und erst posthum zum amerikanischen Staatsbürger erklärt wurde, verleiht seiner Heroenvita eine grotesk-tragische Note.

Gutierrez kommt 1974 in Guatemala zur Welt, seine Eltern verliert er früh in einem Bürgerkrieg, der auch ein Genozid an der indianischen Bevölkerung ist. Der Waisenjunge macht sich noch als Minderjähriger auf den Weg in die Staaten. Monate braucht er für die gefährliche Reise durch Mexiko – jenseits der Grenze stellt ihn, einen Illegalen, die Jugendfürsorge wegen seines Alters unter den Schutz des Gesetzes. Pflegeeltern nehmen sich seiner an. Als er sich schließlich bei den Marines bewirbt, sagt er, er wolle Amerika etwas zurückgeben.

In der US-Armee kämpfen 32000 sogenannte „Greencard-Soldiers“. Den amerikanischen Pass erhalten sie nachträglich. So macht sich das Imperium ein koloniales System zu eigen, das man von der Fremdenlegion kennt. Specogna legt ihr Filmporträt als Spurensuche an – und es ist erstaunlich, wie viele Menschen sie aus dem Leben dieses durch Armut und Emigration Versprengten ausfindig macht. Indem sie dessen Odyssee mit der Kamera nachvollzieht, tauchen überall Figuren auf, die sein Schicksal teilen und denselben kreiselnden Traumpfaden folgen. Gutierrez wurde in einem Krieg geboren, und er starb in einem anderen. Aus der Traum.

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