Kultur : Ein Gespräch im Hause Brecht über den Fluch der "Hosenrolle"

Katrin Hillgruber

Angela Winkler, derzeit als grandioser Hamlet auf der Schaubühne zu bestaunen, saß im langen Rock still in der Ecke. Ihre Anwesenheit im Brecht-Haus schien eine Frage zu symbolisieren: Müssen Frauen Hosenrollen annehmen, um im hierarchischen Theaterbetrieb erfolgreich zu sein? "Man stirbt ja oft oder wird wahnsinnig", befand die Brecht-Enkelin Johanna Schall über die klassischen Frauenrollen. "Es wird schwierig, wenn es jenseits des patriarchalischen Schulterklopfens ernst wird", resümierte die Dramaturgin und Regisseurin Brigitte Landes ihre langjährigen Erfahrungen, die sie unter anderem am Frankfurter Theater am Turm zur Zeit des revolutionären Mitbestimmungsmodells sammelte. Nach wie vor sei es für Frauen besser, so zu tun, als wäre das Frausein kein Problem, sonst könnte es eins werden. Zwar hätten sich Frauen einstige Männerbastionen wie die Dramaturgie erobert, so Landes, doch blieben sie dann meist bei diesem "aufopferungsvollen" Beruf oder im Betriebsbüro hängen.

Es war ein Abend der gemischten Gefühle, der die Reihe "Theater Frauen Theater" im Literaturforum im Brecht-Haus eröffnete. Bettina Masuch, Dramaturgin an der Volksbühne, moderierte ein recht fatalistisches Gespräch über die Karrieremöglichkeiten für Frauen am Theater. Schon der Umstand, dass nach diesen Möglichkeiten überhaupt gefragt werden muss, zeigt, dass die Parität der Geschlechter noch lange keine Selbstverständlichkeit ist am deutschen Stadttheater. Nur nicht als Frau auffallen, möglichst geschlechtsneutral funktionieren, scheint sich die jüngere Generation vorgenommen zu haben. Claudia Bauer, mit 33 Jahren frisch gekürte Künstlerische Leiterin am Jenaer Theater, wollte sich keinen "Behindertenausweis" ankleben lassen. Zwar suchten sich Regisseure wie "Papa Karge" eher Söhne als Töchter aus, doch glaubt sie in erfrischendem Pragmatismus, dass nur die Qualität der Arbeit zählt.

Die erfahreneren Theaterfrauen wollten diesen rosaroten Optimismus so nicht stehen lassen. Vor allem Brigitte Landes kritisierte in ihrem elaborierten Statement die Angewohnheit vieler Kolleginnen, etwas zu negieren, das sie selbst gar nicht erzeugt hätten. Der neuen Frauenbewegung der siebziger Jahre, die die ersten Frauen in Führungspositionen emporstemmte, ist in den Neunzigern eine gewisse Abgeklärtheit, auch Gleichgültigkeit gefolgt. "Charisma scheint für Frauen nicht auf Lager zu sein", meinte Landes, der "Terror des Regietheaters" trägt für sie maskuline Züge. Als alle Disputantinnen unisono von der Amazone Penthesilea als Traumrolle schwärmten, wurde deutlich: Das Tabu der weiblichen Aggressivität lebt.Zwei weitere Diskussionsabende am 11. und 12. 11., jeweils 20 Uhr, Chausseestr. 125.

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