Kultur : Ein Glücksfall

Der Vize: Salomon Korns Wahl. Von Hilmar Hoffmann

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Nur seinen ebenfalls in Polen geborenen Freund Salomon Korn mochte sich Ignatz Bubis als Nachfolger für den Vorsitz des Zentralrats der Juden vorstellen. Ihm gefiel Korns ungezwungene Art, die Probleme einer Kultur der Erinnerung anzugehen, aber auch sein Pragmatismus, diese Kultur als Bildungsauftrag schon im Curriculum zu verankern. Korn hatte 1999 den Vorsitz ausgeschlagen, er konnte seinen Brotberuf des Architekten nicht einfach aufgeben. Wenn er jetzt doch Stellvertreter von Paul Spiegel geworden ist, denkt man an die „Sprüche der Väter“ im Talmud: „Nicht dir obliegt es, die Arbeit zu vollenden. Du bist aber auch nicht frei, dich ihr zu entziehen.“

Korn hatte Martin Walsers Friedenspreisrede 1998 in der Frankfurter Paulskirche auch deshalb deprimiert, weil dieser die deutsche Fixierung auf den Holocaust quasi als Zentralmotiv der deutschen Geschichte ablehnte. Aus der Vergangenheit lernen, bedeutet seit Sokrates nichts Geringeres, als sich erinnern, ein Schlüsselwort der Aufklärung und Korns Credo für eine deutschjüdische „Normalität“. So war er Mitbegründer der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, deren kulturelles Erbe es für uns Heutige zu entdecken gilt. Angesichts der Funde der früheren Judengasse am Börneplatz ging es darum, nach den Wurzeln der jüdischen Geschichte zu schürfen. So war es für Salomon Korn nur folgerichtig, auch den Börnepreis als Quintessenz dieses historischen Erinnerungsprozesses aus der Taufe zu heben, um das Erinnern zu aktivieren.

Der Autor von „Geteilte Erinnerung“ und des eben im Philo Verlag erschienen Buches „Die fragile Grundlage – auf der Suche nach einer deutsch-jüdischen Normalität“ hat diese Aufgabe als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zur Maxime erklärt. Als Architekt verdankt ihm Frankfurt/M. den Neubau des Jüdischen Gemeindezentrums, dessen Vordenker er zugleich war. Hier sollten die Ethnien und Religionen einer Stadt mit 30 Prozent Ausländern ein Forum finden, das die intellektuelle Auseinandersetzung ermöglicht: kulturelle Kommunikation als Prävention gegenüber bewaffnetem Irrsinn.

Ich bin dankbar, mit Korn schon seit der Zeit befreundet zu sein, in der er noch keine Ämter hatte. Fasziniert haben mich seine Intellektualität, die auf breiter Bildung fußt, sein auch im Streit nie versiegender Charme, sein tiefgründiger Humor und sein unzeitgemäßer Altruismus. Korn als Vizepräsident des Zentralrats der Juden ist ein Glücksfall für die Entkrampfung des Verhältnisses von Juden und Nichtjuden in Deutschland. In Frankfurt gilt Salomon Korn schon lange als sympathische Personifizierung jener kulturellen Symbiose, die vor 1933 den Reichtum dieser gemeinsamen Kultur ausmachte.

Der Autor war Präsident des Goethe-Instituts und Frankfurter Kulturdezernent.

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