Kultur : Ein Gott des Feuers

Mythos, Monster, Magie: zum Tod des Choreographen Maurice Béjart

Sandra Luzina

„Tanz ist die Kunst unseres Jahrhunderts“, proklamierte Maurice Béjart. Der gebürtige Franzose und spätere Wahlschweizer avancierte zu einem der einflussreichsten Choreografen des 20. Jahrhunderts. Ihm gelang ein Paradox: Er hat den Tanz zunächst intellektualisiert, dann popularisiert und zu einem „spectacle total“ umgeformt. Mit dem Ziel des Gesamtkunstwerks mischte der Bühnenzauberer unerschrocken Tanz und Theatertraditionen, Rituale und Religionen. Die Franzosen haben ihn als monstre sacré, als heiliges Monster verehrt. Béjart war ein großer Mythomane, eine Legende zu Lebzeiten – und ein besessener Schöpfer bis zuletzt.

Maurice Béjart wurde am 1. Januar 1927 als Sohn des französischen Philosophen Gaston Berger geboren – das Geburtsdatum gefiel ihm gut, dem großen Neuerer. Er hat zunächst Philosophie studiert, bis er sich dann ganz dem Tanz zuwandte – was wohl auch eine Geste des Protestes gegen das Bildungsbürgertum war. Doch von der Philosophie – vor allem der deutschen – ist er nie losgekommen. Immer hat er nach intellektuellen Anregungen gesucht für seine Ballettkreationen, die auf das große Ganze zielten.

Als er 1955 in „Symphonie pour un homme seul“ zu den elektronischen Klängen von Pierre Henry und Pierre Schaeffer die Bühne betrat, ganz in Schwarz, war der tanzende Existenzialist geboren. Der Mann in Schwarz ist er geblieben, mit einem fast schon dämonischen Blick. Und ein begnadeter Theatraliker, der aber auch zu Kitsch und Pathos neigte.

Mit dem 1960 in Brüssel gegründeten „Ballet du XXe siècle“ (Ballett des 20. Jahrhunderts) hat er Tanzgeschichte geschrieben. Berühmte Inszenierungen aus dieser Zeit waren „Bolero“ mit dem unvergleichlichen Jorge Donn als Solisten sowie „Messe pour le temps présent“ und „L'oiseau de feu“. In Béjarts Interpretation wird Strawinskys „Feuervogel“ zum energiegeladenen Partisanen-Ballett. Die auch heute noch mitreißende Choreografie ist Ausdruck der Revolutionsbegeisterung der sechziger Jahre. Und auch die sexuelle Revolution – sie hatte mit Béjart den Tanz, eine bis dato sehr konservative Tanzform, erreicht.

Béjart hat den Tanz für die verschiedensten Einflüsse geöffnet und in seinen Creátions oft den Geist seiner Zeit eingefangen. So überragend seine Intelligenz war – er war mit einer genialen Intuition gesegnet. Oft spürte er spürte neue Tendenzen auf, bevor sie zu künstlerischen Moden wurden. Beispielsweise hat er sich schon früh mit östlicher Philosophie sowie mit östlichen Tanz- und Musikformen beschäftigt. Später ist dann zum Islam übergetreten.

Souverän, oft auch unbekümmert sein Zugriff auf Stile und Themen: Auf der Grundlage der akademischen danse d’école hat er sich die unterschiedlichen Tanzstile angeeignet. Seinem gewaltigen Oeuvre hat er immer wieder Gestalten aus Mythologie, Pop und Geistesgeschichte einverleibt. Bei Béjart sah man tanzende Götter und Revolutionäre, er huldigte gleichermaßen Philosophen und Popstars. Ein Ehrenplatz in Béjarts Pantheon gebührt Nietzsche und Wagner, Don Juan und Faust, Rimbaud und Malraux, aber auch Freddy Mercury.

In Berlin erregte er schon früh Aufsehen. Ende der fünfziger Jahre konnte der junge Béjart bei Auftritten in der Kongresshalle und im Titaniapalast erste internationale Erfolge feiern. Als das Staatsopern-Ballett in den neunziger Jahren einen neuen künstlerischen Leiter suchte, wurde der Franzose, dessen Ruhm nicht mehr ganz so hell strahle, heftig umworben. Er schickte als Statthalter Michael Dénard, gab Berlin einen Korb und blieb in Lausanne, wo er seit 1987 das Béjart Ballet Lausanne leitete.

Dennoch verdankt Berlin ihm einige wichtige Kreationen: Das Wagner-Spektakel „Ring um den Ring“, das 1990 für die Deutsche Oper entstand, wurde von Vladimir Malakhov triumphal wiederaufgenommen. Und auch Bartóks „Wunderbarer Mandarin“ und „Apropos Sheherazade“ wurden zu Erfolgen.

Als er mit „Ballet for Life“ 2003 in Berlin gastierte, kam es nochmals zu einem bewegenden Auftritt. Das Pop-Ballett mit Kostümen von Gianni Versace war eine Hommage an Béjarts früh verstorbenen Lebensgefährten Jorge Donn, dessen Biografie hier mit der von Freddie Mercury überblendet wird. Béjart gedachte der vielen Aids-Toten, seine heitere Choreografie wollte er als „Exorzismus“ und als eine Feier des Lebens verstanden wissen.

Béjarts Choreografien wurden in Arenen gespielt vor Tausenden von Zuschauern. Er konnte ein breites Publikum für den Tanz begeistern. Seine einst so revolutionäre Bewegungssprache mutet zwar längst klassisch an. Aufregend aber sind bis heute die sexuellen Ambivalenzen in seinem Werk. Der Mann tritt bei Béjart endgültig aus dem Schatten der Ballerina und wird zu einer ungleich schillernderen Kreatur. Den „Bolero“, einen Tanz der Verführung, gestaltete Béjart in drei Variationen: Einmal tanzt die Frau auf einem Tisch, umringt von Männern. Und Jorge Donn tanzte den „Bolero“ wahlweise vor Frauen oder in einem Kreis von Männern.

Seinen Memoiren hat Maurice Béjart Nietzsches Diktum „Verloren sei uns der Tag, wo nicht ein Mal getanzt wurde“ aus „Also sprach Zarathustra“ vorangestellt. In seinen letzten Jahren sah man den einst so imposanten Meister als gebrechlichen Mann, der gestützt auf einen Helfer auf die Bühne drängte, um die Ovationen mit Siegeslächeln und gereckter Faust entgegenzunehmen. Béjart war ein Kämpfer und großer Beweger. Bis zuletzt wurde er nicht müde, den Geist des Tanzes zu beschwören. Nur der Tanz, so Béjarts Philosophie, widersteht dem Tod.

„La vie de danseur“, uraufgeführt vor einem Jahr in Lausanne, sollte zu seinem künstlerischen Vermächtnis werden. Zentrales Motiv: der Kampf zwischen Eros und Thanatos. Im Alter von 80 Jahren ist Maurice Béjart gestern im Universitätsspital Lausanne gestorben.

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