Kultur : Ein Gott des Geldes

HARALD MARTENSTEIN

In Deutschland darf jeder nach seiner Façon selig werden.Trotzdem hat Bayernam 1.November ein neues Berufsverbot eingeführt - gegen die Mitglieder der Sekte Scientology VON HARALD MARTENSTEIN

Es gibt viele Sekten in Deutschland, eine davon ist immer die allerbedrohlichste.Seit dem 1.November wird in Bayern an den Mitgliedern der Scientologen-Sekte eine Prozedur vollzogen, für die sich der Begriff "Berufsverbot" durchgesetzt hat: Scientologen dürfen nicht mehr in den öffentlichen Dienst.Andere Bundesländer prüfen diese Frage, darunter Berlin.Auch auf der Gegenseite, bei den Scientologen, wird mit immer härteren Bandagen gekämpft.Aufsehen erregte zuletzt eine Anzeigenserie der Sekte, in der solche Maßnahmen der deutschen Behörden mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich verglichen werden.So absurd diese Gleichsetzung hierzulande auch erscheinen mag: in den USA, wo das Zusammenleben mit bizarren Glaubensgemeinschaften zum Alltag gehört, halten auch etliche Nicht-Scientologen den deutschen Feldzug gegen die Sekte für hysterisch und überzogen.Natürlich spielt auch eine Rolle, daß eine Reihe populärer amerikanischer Künstler bekennende Scientologen sind - Tom Cruise, John Travolta, Priscilla Presley oder der Jazzpianist Chick Corea. Die Zahl der deutschen Scientologen kann nur vage geschätzt werden, es sind vermutlich zwischen 10.000 und 70.000.In ihrem Kampf gegen Scientology gehen die Bayern nun noch über das hinaus, was in den siebziger oder achtziger Jahren bei DKP- oder KBW-Mitgliedern üblich war.Denn nicht nur Bewerber um einen Posten als Lehrer oder Briefträger müssen sich auf ihre Sektenmitgliedschaft prüfen lassen, auch bei Bewerbungen um öffentliche Aufträge gilt Scientology als Ausschlußgrund.Einem Architekten oder einem Bauunternehmer, der Scientologe ist, wird die Existenz in Bayern schwergemacht.In der Berliner Innenverwaltung gibt es bereits eine ähnliche "Ausschluß-Klausel". Die Grenze zwischen einer kleinen, aber durchaus ehrenwerten Glaubensgemeinschaft und einer Sekte ist naturgemäß fließend, aber nicht nur diese Grenze.Die Vorwürfe, die man in der mittlerweile ziemlich umfangreichen Literatur nachlesen kann, ähneln sich - vor allem sind es drei.Sekten wirken persönlichkeitsverändernd, sie fressen ihre Mitglieder sozusagen mit Haut und Haar.Das Mitglied geht restlos in seiner Glaubensgemeinschaft auf, ein geistiger Freiraum wird ihm nicht zugestanden.Zweitens: Sekten ziehen ihren Mitgliedern über jedes vertretbare Maß hinaus ihr Geld aus der Tasche.Drittens: Sekten streben nach Macht, im Extremfall sogar nach der Weltherrschaft. Nun wird man zugeben müssen, daß all diese Charakterisierungen bis zu einem gewissen Punkt auch auf die christlichen Kirchen zutreffen.Auch die Kirchen ziehen Geld ein und freuen sich über Spenden.Auch die Kirchen haben Macht.Das Ideal fast jeder Glaubensgemeinschaft besteht darin, erfolgreich die ganze Welt zu missionieren.Jeder starke Glaube verändert die Persönlichkeit.Offenbar kommt es nicht auf das "ob" an, sondern auf das "wie", besser gesagt: auf das "wieviel".Wieviel Geld? Wieviel Macht? Wieviel Freiheit des Denkens bleibt übrig? Wie aggressiv wird vorgegangen? Wo liegt die Grenze, jenseits derer der Staat zum Schutz seiner Bürger oder seinem eigenen Schutz eingreifen muß? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten.In unserem Gemeinwesen darf bekanntlich jeder nach seiner Façon selig werden.Mehr noch: Jeder darf auch nach seiner Facon unglücklich werden, jeder darf dumm sein.Wer sich wegen seines Glaubens ruiniert, wer seine Freunde und seine Familie verliert, der erlebt zweifellos eine persönliche Tragödie.Der Staat ist allerdings nur in Maßen für persönliche Tragödien zuständig.Eine klare, unzweifelhafte Linie ziehen lediglich die Gesetze und die Verfassung.Eine Glaubensgemeinschaft, die sich nicht an die Gesetze hält, die Persönlichkeitsrechte ihrer Mitglieder mißachtet und auf die Abschaffung der Verfassungsordnung hinarbeitet, muß verboten werden.Dies zu recherchieren, ist Aufgabe zum Beispiel des Verfassungsschutzes.Und ein Lehrer, der seine Schüler missioniert, statt ihnen Wissen zu vermitteln, muß aus dem Verkehr gezogen werden.Das sind die Spielregeln.Wenn man die Frage so betrachtet, ist sie auf einmal nicht mehr ganz so schwierig. In Bayern also geht man den gleichen zweifelhaften Weg wie in den siebziger Jahren im Falle der DKP.Die Organisation bleibt unangetastet - offenbar ist ihr nichts nachzuweisen -, statt dessen hält man sich an den Mitgliedern schadlos.Natürlich werden die Sektenmitglieder klagen (mit guten Erfolgschancen, wie verschiedene Juristen bereits erklärt haben), und natürlich bleibt ein übler Nachgeschmack, wenn ein Staat versucht, seine eigenen Spielregeln zu umgehen.Vor allem: Man kann nicht gleichzeitig das Bild eines Sektenkraken entwerfen, in dessen Fangarmen labile Gemüter als Opfer zappeln, und gleichzeitig die einfachen Sektenmitglieder wie Täter behandeln und mit Berufsentzug bestrafen, ohne daß sie sich etwas Konkretes zuschulden haben kommen lassen.Das dürfte sie übrigens nur noch fester an ihre Sekte binden. Scientology kennt keinen Gott, sowenig wie VPM oder die Anhänger indischer Gurus.Das Sektenwesen ist in den letzten Jahrzehnten weltlicher geworden, weniger transzendent.Insofern gehen viele Sekten einen ähnlichen Weg wie die großen Kirchen, nur gehen sie bedeutend weiter, und beide folgen den Trends der Gesellschaft.Die Gurus treten weniger als Messias auf denn als Therapeut, häufig vermischen sich das Religiöse und das Psychologische, die große weltliche Ersatzreligion dieser Jahrzehnte.Dreh- und Angelpunkt solcher Lehren ist das Individuum, dem Versprechen für das Diesseits und nicht für das Jenseits gegeben werden - mehr Erfolg, mehr Zufriedenheit, mehr Sinn, mehr Sex.Schon die Anhänger des Bhagwan waren außerdem erfolgreiche Geschäftsleute, sie gründeten - wie Scientology - ihre eigenen Unternehmen. Es muß auf Beobachter, deren geistiger Standort die Mitte der Gesellschaft ist, irritierend wirken, daß die erfolgreichsten Sekten nicht mehr das Aussteigertum predigen, eine eigene Subkultur, eine Gegenwelt.Im Gegenteil.Scientologen sind an keinem äußeren Kennzeichen zu erkennen, wie noch die Bhagwan-Anhänger an ihrer Kette.In einem Standardwerk über Scientology ("Der Sekten-Konzern" von Liane von Billerbeck und Frank Nordhausen) werden unter der Überschrift "Woran erkenne ich einen Scientologen" Eigenschaften wie "Dauerlächeln", "Zeitnot" und "Einflußnahme" aufgelistet, die für fast jeden erfolgreichen Manager gelten.Deswegen trifft das häufig geäußerte Argument nicht ganz, die Kirchen seien zu "modern" und zu wenig transzendent geworden, so hätten sie einen Raum freigemacht, der jetzt von Sekten besetzt wird.Eine Sekte wie Scientology ist in ihrem diesseitigen Erfolgsstreben, ihrem individualistischen Weltbild, ihrem internen, gnadenlosen Leistungsprinzip und ihrer konzernartigen Struktur "moderner" als jede Kirche.Weniger zeitgeistgemäß ist der autoritäre Klammergriff, in dem Scientology seine Anhänger festhält. Kapitalistische Geld- und Macht-Religionen wie Scientology bieten nicht Erlösung an, sondern ein Geschäft.Leistung und Gegenleistung.Statt des Paradieses verspricht die Sekte ihren Mitgliedern die Steigerung ihres Intelligenzquotienten.Die wichtigste Psychotechnik heißt "Auditing": zwei Personen starren einander stundenlang in die Augen.Das kann Euphorie zur Folge haben oder Depression, aber als Basis einer Welteroberungsstrategie wirkt das "Auditing" denn doch eher läppisch als bedrohlich.Das geheimbündlerische Gebaren der Gruppe begünstigt die Tendenz, sie zu dämonisieren, ähnlich, wie einst die Freimaurer oder die Jesuiten dämonisiert worden sind.Diese Dämonisierung nimmt manchmal selber bizarre Züge an - zum Beispiel scheint es unter Berliner Wirten ein beliebter Sport zu sein, ihre jeweiligen Konkurrenten als heimliche Scientologen zu verunglimpfen.Zwar ist unstrittig, daß Scientology auf Kritiker, auf aussteigewillige Mitglieder und auf die Mieter von sekteneigenen Immobilien beträchtlichen, manchmal sogar zerstörerischen Druck ausübt.Diese Tatsache entbindet die Kritiker allerdings nicht von der Pflicht, ihre Vorwürfe zu belegen.Bei Billerbeck und Nordhausen wird zum Beispiel ohne überzeugende Belege von "seltsamen Todesfällen" im Umfeld der Sekte gemunkelt, und die Beutelschneiderei der Gruppe soll unter anderem durch die eher bescheidene Summe von 120 Mark bewiesen werden, die das sektennahe Unternehmen "Narconon" pro Tag für seine Drogentherapie verlangt. Norbert Blüm ist einer der schärfsten Kritiker von Scientology.In einem "Spiegel"-Interview sagt Blüm: "Vor zwei Jahren traf ich in einer Wahlveranstaltung in Süddeutschland eine Mutter, die ihren Sohn an diese menschenverachtende Sekte verloren hatte.Aus dem jungen Mann war ein völlig anderer Mensch geworden, sie hatte keinerlei Zugang mehr zu ihrem Kind.Welchen Terror Scientology auf Menschen ausübt, ist mir da zum ersten Mal klargeworden." Was heißt das? Nichts.Junge Männer werden andere Menschen, und Mütter verlieren den Zugang zu ihnen, seit es Männer und Mütter gibt.Nein, auch im Umgang mit Scientology müssen Fakten auf den Tisch, und Beweise.Wenn die Sekte kriminell ist oder die Demokratie abschaffen will: verbieten.Anderenfalls gilt, daß jeder Bundesbürger verfassungsmäßige Rechte besitzt, unabhängig von seinem Glauben.

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