Kultur : Ein Griff ins volle Leben

Ingo Metzmacher und das DSO spielen Mahler

Daniel Wixforth

Vielleicht – so könnte man denken, als das Mobiltelefon in die erste Generalpause reinklingelt – vielleicht gehört das ja zum Welterschaffungsszenario des 21. Jahrhunderts. Vielleicht muss sich der Konflikt, den Gustav Mahlers dritte Symphonie zwischen Trivialem und Erhabenem aufmacht, heute ja genauso manifestieren: zwischen Handy und Hornfanfaren.

Es kommt anders. Als schwer verdaubar gilt dieses 100-Minuten-Monstrum, als eigentlich unsymphonische Aneinanderreihung von Gegensätzen, in der Mahler mit allen Mitteln eine Welt aufbauen wollte: sechs Sätze von der Erde bis zum Himmel. Ingo Metzmacher erspart dem Publikum in der Philharmonie kein Detail dieses schwierigen Vorhabens (noch einmal heute, 20 Uhr). Rücksichtslos donnernde Hörner, kratzige Streicher eröffnen den Kopfsatz. Pervertierte Volksmelodik, die sich erst im ergreifend sanglichen Posaunensolo nach innen kehrt – und so schon hier den Bogen spannt zum Finale, auf das man freilich noch über eine Stunde zu warten hat. Auch im dritten Satz weiß das grandios aufgelegte Deutsche Symphonie-Orchester die Kontraste offenzulegen: das Posthorn-Solo ertönt von draußen und schneidet so als gedämpftes Watte-Schwert noch stärker in die humoristisch-krachende Liedthematik. Folkloristische Erdung und symphonische Überhöhung lässt Metzmacher auch hier unversöhnt.

Wenn Mahlers Welterschaffung mit Worten aus Nietzsches „Zarathustra“ schließlich bei den Menschen angelangt ist, besingt Anne Sofie von Otter diese mit weich gebettetem Mezzosopran, der einen über das „Herzeleid“ des Textes beinahe hinweghören lässt. Lediglich der folgende Chorsatz schafft Verwirrung, weil er bei Metzmacher keine schafft. Dieses kitschig anmutende Intermezzo bricht so offenkundig aus der symphonischen Metaarchitektur aus, dass alle klanglichen Integrationsversuche unpassend wirken. Umso bewundernswerter, wie das DSO sich im Finale dann auf kraftvolle Innigkeit besinnt, wie es diesen Satz, nach der Maxime des Komponisten, als transzendente Antwort auf den irdisch-zerfahrenen Kopfsatz deutet. Daniel Wixforth

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