Kultur : Ein großer Sprung nach vorn

Die Fotografie in Berlin bekommt ein Heim – mit Helmut Newtons Fotosammlung als Zugpferd

Christina Tilmann

„Es ist eine Sensation, dass es endlich geklappt hat“, freut sich Rudolf Kicken, einer der führenden Fotogaleristen der Stadt. Er war es gewesen, der vor sechs Jahren gemeinsam mit dem damaligen Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Wolf-Dieter Dube, den Plan ausgeheckt hatte, die Sammlung des Fotografen Helmut Newton zurück in dessen Geburtsstadt Berlin zu holen. Dass das nun, nach langen Querelen, endlich Wirklichkeit wird, ist für Kicken ein „großer Sprung nach vorn“.

Dass der 83-jährige Fotograf Helmut Newton am kommenden Mittwoch nun wirklich den Vertrag unterschreiben wird, mit dem er seine Fotosammlung der Stadt überlässt, hätte kaum einer in Berlin mehr für möglich gehalten. Zu oft hatte der Fotograf einen Rückzieher gemacht, zu oft auch war das Projekt von den Staatlichen Museen zu Berlin kleinlaut beerdigt worden – zuletzt mit der „kleinen Lösung“ des „Deutschen Centrums für Photographie“, das Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann im vergangenen Jahr vorstellte: als mit einer Planstelle besetzte Verwaltungseinheit an der Neuen Nationalgalerie.

Dass aus der „Kleinen Lösung“ nun offenbar doch noch ein veritables Fotomuseum wird, ist vielen zu verdanken: dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, der das Thema Newton-Sammlung – wie auch den etwas anders gelagerten Fall der Flick-Sammlung – beherzt zur Chefsache machte und dem Fotografen im vergangenen Sommer auf einem Empfang im Roten Rathaus ansprach, Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die als Stiftungsratsvorsitzende der Preußenstiftung das Projekt „nachdrücklich unterstützt“, wie es aus ihrem Haus heißt, Klaus-Dieter Lehmann und Peter-Klaus Schuster, den Generaldirektoren der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Staatlichen Museen zu Berlin, die das Thema still und heimlich weiterverfolgten, und nicht zuletzt dem Kunstsammler und -mäzen Heinz Berggruen, der seinen Freund Helmut Newton auf das Gebäude der ehemaligen Kunstbibliothek am Bahnhof Zoo aufmerksam machte. Die Renovierungskosten des 5500 Quadratmeter umfassenden Baus wird die „Helmut Newton Stiftung“ tragen.

Der Ort hat Geschichte, auch Kunst-Geschichte: Der auch als „Landwehr-Casino“ bekannte wilhelminische Prunkbau, erbaut 1908/1909 von Heino Schmieden und Julius Boethke, war nach dem Krieg Gründungsort der „Berlinischen Galerie“ und beherbergte bis 1992 die Kunstbibliothek, die danach ans Kulturforum zog. Helmut Newton habe sich, so erzählte er es selbst vor einigen Monaten, sofort in das Gebäude verliebt: Es sei das letzte gewesen, was er bei seiner Abfahrt aus Berlin 1938 ins Exil nach Singapur gesehen habe.

Hier soll nun ein „Museum für Fotografie“ entstehen, mit Newtons umfangreicher Fotosammlung als Herzstück. Einen Direktor gibt es auch schon: Der von der Ruhruni Bochum stammende Fotohistoriker Ludger Derenthal ist seit 1. April Leiter des „Deutschen Centrums für Photographie“ am Kulturforum und verfügt nun plötzlich über ein wesentlich vergrößertes Wirkungsfeld. Über seine Zukunftspläne für das Museum hält er sich vorerst noch bedeckt: Erst nach Unterschrift des Newton-Vertrags will er sich äußern. Kicken jedenfalls traut ihm das „nötige Augenmaß und den Willen“ zu, der Fotografie in Berlin zu neuem Gewicht zu verhelfen.

Und noch einen Fürsprecher hat das Projekt: Baronin Jeane von Oppenheim, Kölner Bankiersgattin und selbst engagierte Mäzenin und Fotosammlerin – ihre Kollektion schenkte sie 1999 dem „Norton Museum of Art“ in Palm Beach – hat das Kuratorium des „Deutschen Centrums für Photographie“ übernommen, meldete das Fachblatt „kunst-dienst“ in dieser Woche. Ein Freundeskreis nach dem Vorbild der „Freunde der Nationalgalerie“ soll für ideelle und finanzielle Unterstützung sorgen. Und, so noch einmal Rudolf Kicken: „Wenn Jeane ruft, dann kommen alle.“

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