Kultur : Ein guter Führer darf nicht sterben

Eisensteins „Alexander Newski“ feiert in Berlin ein Comeback – und keinen stört der Propagandaton

Ulrich Amling

Eigentlich sollte an diesem Abend Sergei Prokofjews gedacht werden. Jenes genialen Musikers, den es nach einem Leben im westlichen Luxus 1936 wieder zurück in seine Heimat zog, in ein Russland, wo Stalin unter Intellektuellen und Künstlern ein Klima von Angst und Schrecken schürte. Prokofjew suchte nach „der Geborgenheit der Seele“ – und manövrierte sein Leben ins gefährliche Blickfeld Stalins. Dort blieb es bis zuletzt. Der Musiker, der öffentlich bekennen musste, „zweifellos habe ich durch Atonalität gesündigt“, und der Diktator, der ihn zwang, starben am gleichen Tag, vor fünfzig Jahren.

Es wurde kein normaler Auftritt für das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Frank Strobel im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Mit gewaltigem Pomp und in Kooperation zwischen Arte, den Berliner Festspielen und Deutschlandradio erstand die Musik wieder auf, die Prokofjew 1938 für Sergei Eisensteins Tonfilm „Alexander Newski“ schuf. Die Rechercheure destillierten aus dem verzerrten Originalton so genau jeden komponierten Takt heraus, dass die Veranstalter gar eine „Uraufführung“ der Originalmusik ankündigten. Der Andrang zum Filmkonzert war nicht zuletzt durch günstige Preise riesig. Selbst der Botschafter der Russischen Föderation Sergei B. Krylow war von der Anstrengung zugunsten des ramponierten Klassikers begeistert, dankte und wünschte einen schönen Abend.

Kein Wort darüber, dass gleich ein lupenreiner Propadandafilm gezeigt werden würde, ein flimmerndes Führerporträt, bei dessen Entstehung Stalin selbst beteiligt war. „Alexander Newski“ feiert die Einigung der russischen Stämme unter dem Fürsten Alexander. Man schreibt das Jahr 1242, und das Ritterheer des Deutschen Ordens stößt tief in das russische Reich vor, besessen von „der Weite und dem Reichtum des Landes“. Lange hatte sich Eisenstein, der einst gefeierte Monteur des Revolutionsfilms „Panzerkreuzer Potemkin“, um neue Projekte bemüht. Jetzt durfte er endlich wieder drehen. Der Regisseur leistet ganze Arbeit. Schon in der Eingangssequenz verleiht er dem fischenden Fürsten Newski messianische Züge. Er wird zum Führer der Bauern – und vernichtet die perfekte Kriegsmaschinerie der Deutschen. Prokofjew sekundiert mit entseelten Bläserklängen, vaterländischen Chören, pathetischem Sologesang. Stalin war zufrieden, obwohl Eisenstein deutlich unter seinen Möglichkeiten als Regisseur bliebt – und gestaltete den Schluss nach eigenem Willen: „So ein guter Führer darf nicht sterben.“

Wie sehr Eisenstein und Prokofjew sich auch um Parteilinie mühten: Ihr Film verschwand schnell, da Hiltler und Stalin einen Nichtangriffspakt geschlossen hatten. Statt deutsche Ritter im eisigen Wasser zu ertränken, sollte Eisenstein, der Jude, nun Wagners „Walküre“ am Bolschoi inszenieren. Wenige Monate nach der Premiere brach die Wehrmacht in Russland ein.

Doch davon kein Wort am Konzertabend, an dem die deutschen und europäischen Kulturversorger nicht den leisesten Versuch unternahmen, eine kritische Atmosphäre zu schaffen. Man stelle sich einmal vor: Ein deutsches Propagandawerk wie „Kolberg“ würde feierlich in Moskau aufgeführt – und alle beklatschten brav das Kunstwerk und seine Restaurateure. Die Freude, den Archiven ein verstümmeltes Werk abgetrotzt zu haben, triumphiert über die Lust an Erkenntnis. Arte sollte die Zeit bis zur Fernsehausstrahlung von „Alexander Newski“ am 4. Dezember nutzen. Sonst ist dieser Liebesdienst an einem Propagandawerk umsonst.

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