Kultur : Ein Haus, ein Traum, ein Sturm

Das Prosadebüt des Dresdners Patrick Beck

Volker Sielaff

In den sich meist nur über wenige Seiten erstreckenden Kurzprosatexten des 1975 in Zwickau geborenen Patrick Beck tauchen Steinzeithütten auf, bronzen glänzende Paläste, Schneegrubenbauden und rätselhafte Bibliotheken, so dass man glauben könnte, hier sei ein Autor am Werk, der in seinen Texten anachronistische Traumlandschaften entwirft. Manchmal ereignen sich geheimnisvolle Dinge, etwa, wenn der Ich-Erzähler in „Die Röhre“ glaubt, von der Kabine eines Lifts, in dem er sich befindet, „gestochen“ worden zu sein oder wenn es, wie in „Die Steinzeithütte“, plötzlich heißt, dass diese „vielleicht nicht einmal eine Ruine“ sei: „Vielleicht wurde hier noch gebaut. Oder nicht einmal das.“

Mit solchen Finten will der Autor uns sanft auf die Unzuverlässigkeit unserer Wahrnehmung und unsere oft vorgestanzten Bilder von der Welt hinweisen. Anhand von Archetypen befragt Beck nicht zuletzt die Tauglichkeit unserer Begriffe, freilich anders, als es etwa die Philosophie tut. In der Erzählung „Das Haus“ führt das zu dem Schluss, dass das ideale Haus aus Licht sein müsste, eines, dem „kein Gewitter, keine Wurzel, keine Spinne mehr etwas anhaben könnten.“ Aber wie kühl die Texte dieses jungen Autors auch wirken mögen – man muss doch in jedem stets die Antithese mitlesen: Vielleicht ist uns am Ende ein von Sturmschäden gezeichnetes Haus lieber als ein lichtdurchflutetes Idealbild?

Der Wege sind viele, auch in diesen Geschichten, die selten etwas erklären, sondern dazu einladen, nach dem letzten gelesenen Wort alleine weiterzudenken. Dem Waldgänger in dem Text „Wege“, einem alter ego des Autors, geht schnell auf, dass jedes Tier im Wald seine eigenen Pfade hat, denn: „Kein Ort im Gebirge, der nicht ein Weg sein kann.“ Beinahe absurd mutet der Versuch des Wanderers an, diese ihm fremden Wege zu erkunden: „Ich versuchte die Vorstellung, ein anderer zu sein und andere Wege zu gehen, aber es gelang mir nicht, mich weiter als einen Schritt von meinen Wegen zu entfernen.“ Die Wege werden hier unausgesprochen zu Wesenheiten. Die Dinge sind bei Patrick Beck selten nur das, was, mit einem Wort Robert Musils, unsere „Glaubensgewissheiten“ uns einzugeben versuchen.

Es flockt, es rauscht, es sirrt, es flackert in diesen Geschichten, deren archaischer Ton vorgetäuscht ist, denn es geht um den Zustand unserer Welt. Sehr deutlich wird das in der kleinen Groteske „Der Anschluss“, in der eine „Navigator“ genannte Figur immer schon vorher weiß, was der Ich-Erzähler als nächstes tun wird. Die legendäre Nautilus des Kapitän Nemo kann man leicht als unseren blauen Planeten lesen, den es zu schützen und in seiner Rätselhaftigkeit zu bewahren gilt. Der an Paul Feyerabend und dessen Wissenschaftsskeptizimus geschulte Autor weiß, wovon er spricht.

Zum Ende des aus dreißig kurzen Texten bestehenden Bandes entwickelt sich die Sprache zunehmend zur knappen lyrischen Diktion hin. Das Irritierende dieser Stücke bleibt: Man weiß bei Patrick Beck nie, was man sieht, wenn man etwas sieht. Volker Sielaff

Patrick Beck: Ich habe ein Haus aus Licht gebaut. Imaginäre Orte. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2011. 96 S., 12,95 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar