Kultur : Ein Haus für die einsame Insel

Stephanie Wurster

Partygänger werden bescheiden, wenn sie sich ausgetobt haben. Ihren minimalen Ansprüchen an die Chill-Out-Phase - ein geräumiges Schlafzimmer, ein Sonntag, jede Menge Freunde und ruhige Musik - folgt DJ Maxwell aus Berlin seit Jahren mit einer sanften Mischung aus Jazz, House und Breakbeats, Retro- und Weltmusikreferenzen. Hauptsache, es entspannt. DJ Maxwell aka The Maxwell Implosion, mit bürgerlichem Namen Thorsten Heller, reist als Plattenaufleger und Remixer um die Welt und stellt die Compilations "Get Easy" und "Feeling:Good" zusammen. In seiner Freizeit sammelt er Designermöbel und Vasen.

Jetzt hat der 41-Jährige sein Debüt-Album fertiggestellt, "Small Circle Of Friends" (Bungalow Records) heißt es und besteht aus sommerlichen 62 Minuten, durch die sein Freundeskreis mit Laila France, Pat C., Nicola Conte und Brian Levin defiliert. Eine fünfköpfige Gruppe aus Architekten und Designern, die in Frankfurt als "Optimat" und "Eisenherz" Lifestyle-Produkte und -Lösungen entwerfen, ergänzt das Gesamtkonzept. Sie hat den Raver-Traum eines idealen Klang-Tempels entworfen, der für Maxwells organische Sound-Collagen wie geschaffen sein soll: das "Maxwell-Haus". Das ist keine neue Utopie. Dass Architektur "gefrorene Musik" beziehungsweise "eine verstummte Tonkunst" sei, fand bereits Goethe. Das vielleicht gelungenste Beispiel für die Verbindung der beiden Künste ist, neben Wagners Bayreuther Opernhaus, der Philips-Pavillon, den der Musiker und Architekt Iannis Xenakis gemeinsam mit Le Corbusier für die Brüsseler Weltausstellung von 1958 konstruierte. Das eigens dafür komponierte "Poème Électronique", eine Multimedia-Performance von Corbusier und Edgar Varese, sowie "Concrète PH" von Xenakis kamen in den steinernen Parabolskulpturen bestens zur Geltung.

"Eisenherz" hat seit 1990 vor allem Lichtobjekte für die Ambient-Gemeinde entworfen, die auf Messen wie der Chromapark im Berliner E-Werk präsentiert wurden, aber auch den viel besprochenen Illusionsraum "Omnium" für die Jugendmedienwelten auf der Expo 2000. Als "Optimat" konzentrieren sie sich auf eine Architektur, die mit elektronischer Musik verflochten ist, von ihr ausgeht und mit ihr arbeitet. "Wenn wir nicht Architekten oder Designer geworden wären, wären wir vielleicht Musiker geworden", meint Gründungsmitglied Lutz Wagner.

Für "Small Circle Of Friends" entwarf das Quintett ein baufertiges Haus, das nun auf dem Plattencover zu sehen ist. Ein runder Zentralraum, dessen Aufteilung von runden Nierentisch-Formen und gebogenen Panorama-Fenstern bestimmt wird, die Glasfronten und großzügige Terrassen werden überspannt von einem trapezähnlichen Zeltdach. "Unsere Arbeiten sind von Musik und der Schönheit und Komplexität natürlicher Formen und Prozesse im Mikro- und Makrokosmos inspiriert", erläutern die Jungarchitekten auf ihrer Website. Nicht zufällig ähnelt das luftige biomorphe Bauwerk einer Qualle.

Eine winzige Insel, die "Optimat" sich aus "Geo" abgeguckt hat, bietet die passende Kulisse, ein ebenfalls von den Frankfurtern entworfenes Tragflächenboot dümpelt in der blauen Lagune. Hier wird also mit den Freunden gechillt, am Pool gedeejayt und abends der Fisch des Tages gebraten. Gut gelaunte Menschen geben sich Fünf und erledigen ihre Aufträge per Laptop. Ein Cyberspace-Traum - wenn man sich auf die üppig gestreuten Retro-Kodierungen einlässt.

Wo "Small Circle Of Friends" mit akustischen Ködern verschiedenster Musikrichtungen spielt und immer wieder Anklänge der sechziger und siebziger Jahre zitiert, reduziert das "Maxwell-Haus" diesen Sound auf das Lebensgefühl eines James-Bond-Films - erweitert um die für "Optimat" typische Ambient-Schrulligkeit und Spaß-Esoterik. "Flucht nach hinten" könnte man das nennen. Neue Räume werden hier nicht aufgemacht, das sowieso hermetische System von The Maxwell Implosion wird vielmehr zusätzlich verengt. Aber jede gute Chill-Out-Phase muss irgendwann zu Ende gehen. Es reicht nicht, dieselbe Platte immer wieder umzudrehen.

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