Kultur : Ein Haus in Hebron

Silvia Hallensleben

Wolken ziehen vorüber. Gräser, von Morgenlicht gestreift. Dann Menschen, von links nach rechts, erst einer, noch einer und so fort. Ihr Gang ist verhalten, doch zielgerichtet, als würden sie an einem unsichtbaren Band gezogen. Später treibt ein Kuhhirte Vieh ins Gatter und schließt sorgfältig das Tor. Ebenso bedächtig. wie seine Protagonisten sich bewegen, nähert sich Sergej Loznicas "Der Ort" den Menschen und ihrem Alltag. Heuwenden und Holzhacken und Heuwenden. Feierabend im Hof. Und ein Speisesaal: Suppe im Blechnapf, dazu ein Stück Brot. Eine übrig gebliebene Kolchose? Ein Arbeitslager? Eine Anstalt? Niemand erklärt es. Auch die Menschen sprechen kaum. Ihre Gesichter sind nach innen gekehrt.

Ein Film, der sich einfrisst und bleibt. Der Jury des 44. Leipziger Dokumentarfilmfestivals war "Der Ort" (Poselenije) die Silberne Taube wert. Der junge russische Regisseur ist mit seinen Filmen in Leipzig kein Unbekannter. Letztes Jahr schon errang er für den minimalistischen Film "Bahnhof" eine Silberne Taube. Auch jetzt wieder lässt er uns Zeit hinzusehen. Die Freiheit, uns unseren Teil zu denken. Dieser Film lebt von dem, was er nicht zeigt, sagte einer. Anderen war das zu viel Zeit und zuviel Freiheit. Zeugt das Verharren im Ungefähren nicht auch von mangelndem Respekt gegenüber dem einzelnen Leben? Führt der sanfte Sog, den Pavel Kostomarovs Kamera erzielt, wirklich zu tieferem Menschenverständnis? Oder ist diese "Tiefe" doch nur Effekt?

Auch Romantisierung lässt sich diesem Film vorwerfen, etwa, wenn er seine Helden - in einer Ikonenwand eindrücklicher Porträts - fast zu Heiligenbildern verklärt. So fragwürdig dies sein mag, so sorgt dieser Film doch für eine produktive Verunsicherung, weil er den Zuschauer beim Wahrnehmen und Verstehen ganz auf sich selbst stellt. Ganz anders der andere russische Wettbewerbsbeitrag, der sein hochinteressantes Material totschwätzt. Das Material: Propagandafilme, die die deutschen Besetzer für ihre okkupierten Gebiete im Osten produzierten. Doch statt diese Dokumente der Öffentlichkeit zur Analyse vorzulegen, mixen Igor Grigoriev (Regie) und Vladimir Dmitrijev (Buch) in den "Blumen der Okkupation" Fragmente dieser Filme mit solchen anderer Herkunft zu einer trüben Suppe, die sie mit einem pathetisch suggestiven Kommentar unterlegen.

Erfreulicherweise war dies der einzige Ausrutscher in einem sonst gut sortierten Programm. Erfreulich auch die Qualität der 19 Wettbewerbsfilme. Bei aller Vielfalt: Es sind durchweg weltgesättigte Filme, nicht familiäre Innenschauen, wie sie noch letztes Jahr große Teile des Programms bestimmten. Auch scheint der oft hilflose Einsatz formaler Experimente einem souverän selbstverständlichen Umgang mit verschiedenen Formen gewichen zu sein.

Reise in die Vergangenheit

So ist etwa in Emmanuel Finkiels "Casting" der selbstreflexive Blick auf die eigene Arbeit als Filmemacher nur Anlass zu einem klugen Spiel zwischen Darstellung und Erinnerung. Und zu einer Reise tief in die ostjüdische Geschichte. "Casting" zeigt die Auswahlprozeduren für einen Spielfilm, der von der Reise Überlebender in die Vergangenheit erzählt. Doch auch die potenziellen Darsteller, die jetzt vorsprechen, haben Vernichtung und Flucht überlebt. Ein Film, der auch zeigt, dass Humor aus - meist bitterer - Lebenserfahrung wächst. Und dass die Neunzigjährigen die wahren Stars sind.

Auch Stanislaw Muchas "Absolut Warhola" versteckt hinter einer kleinen Geschichte eine ganze Welt. Auch er hat einen betagten Star: Andys Tante, eine kluge, beherzte Dame. "Absoluta Warhola" findet die Spuren von Andy Warhols Familiengeschichte in zwei ruthenischen Dörfern, wo der Wodka eine Allianz mit dem Lebensmut eingeht. Und mit dem Kunstverstand. Schließlich steht hier das einzige Andy-Warhol-Museum Europas. Doch die Installation aus Eimern und Tüchern im Saal ist eine echte Wehrmaßnahme gegen durchsickerndes Regenwasser. Und die Zigeuner dürfen ins Museum nicht hinein.

Natürlich war auch in Leipzig, einem traditionell politischen Ort, der 11. September ein Thema, schon im betulich um Anspruch bemühten Eröffnungsabend. Dennoch wäre es irrig, hinter der Jury-Entscheidung, einem Film zum Nahost-Konflikt die Goldene Taube zu verleihen, tagespolitische Motivationen zu vermuten. "Eingeschlossen" war schlicht der aufregendste Film dieser Tage. Eine israelische Produktion, die sich ins Herz des Nahostkonflikts wagt: ein Haus im Stadtzentrum von Hebron, dessen Vorderfront im israelischen Siedlungsgebiet liegt, die Rückseite aber auf palästinensischem Gelände. Drei palästinensische Witwen mit ihren Kindern leben hier in ungewollter Koexistenz mit israelischen Besatzungssoldaten, die auf der Dachterrasse einen Posten eingerichtet haben. Die Frauen kämpfen um die Sicherheit und Zukunft ihrer Kinder, aber auch gegen die Zwänge, die die eigene Gemeinschaft ihnen auferlegt. Und auch als Nachbarinnen haben sie Konflikte miteinander auszutragen.

Die Regisseurin Anat Even gestaltet ihre schlichte Situationsbeschreibung mit der Spannung eines Spielfilms. Sie findet Bilder, deren Prägnanz mitunter ans Skurrile grenzt. Begegnungen der waffenbehängten Riesen mit den Kindern im engen Treppenhaus. Das vergebliche Anputzen der Frauen gegen die Urin- und Müllrückstände der Belagerer. Und irgendwann gibt es sogar ein bisschen Hoffnung: In einer schneebeglückten Nacht balgen sich palästinensische Kids und israelische Soldaten in einer Schneeballschlacht. Jeden Moment könnte sich ein Schuss lösen. Doch das geschieht nicht. Ein Augenblick Utopie.

Leipzig ist eigentlich mindestens zwei Festivals. Doch nicht nur das parallele Animationsprogramm, auch andere Nebenreihen sind in der Filmflut kaum wahrzunehmen, wenn man sich nicht von vornherein auf sie beschränkt - etwa eine Reihe mit chinesischen Fernsehdokumentationen oder auch ein syrisches Programm. 491 Filme wurden dieses Jahr in Leipzig gezeigt, das ist ein Viertel mehr als letztes Jahr. Der einzelne Film geht da leicht unter. Und die Entscheidung, ausgerechnet die Filme des Wettbewerbs nur ein einziges Mal zu zeigen, macht geradezu wütend. Es gibt auch ein filmisches Menschenrecht: jenes, sich beim Publikum zu bewähren. Dazu braucht es die Wiederholung.

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