Kultur : Ein Held von heute

Andreas Schäfer findet einen neuen Zugang zu Georg Büchner

Wer den Presseladen am Bahnhof Friedrichstraße betritt, dem springt ein grasgrünes Cover ins Auge. WOYZECK steht da in weißen fetten Lettern. Darunter das Porträt einer wunderschönen Frau, deren bereitwillig geöffneter wunderschöner Mund bis zu den rotgeschminkten Lippen mit grünen Erbsen ausgefüllt ist. Unter der Achsel der Schönen steht: „Der Originaltext von Georg Büchner und Geschichten aus der Gegenwart, die dazu passen.“

Im Büchner-Jahr gibt es Sitzkissen mit der Aufschrift „Jeder Mensch ist ein Abgrund“ zu kaufen, aus dem Internet lassen sich Büchner-Masken herunterladen und ausdrucken. Und nun also das Buch als Magazin. Die Idee der Münchner Journalisten Joanna Swistowski und Peter Wagner zeugt von geradezu rührendem Mut – und steht trotzdem unter Belanglosigkeitsverdacht.

Der sich allerdings schnell verflüchtigt, sobald man im Magazin zu lesen beginnt. Denn die Interviews, Essays, Erzählungen und Fotostrecken, die hinter Büchners Text abgedruckt sind, haben zwar etwas mit dem Stück, seinen Konflikten und Aspekten zu tun (unglückliche Beziehung, Militär, Medizineralltag, Erniedrigung), aber auf angenehm lose und trotzdem stimmige Weise.

Na gut, ausgerechnet die Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe um eine Miniatur zu bitten, ist nicht gerade einfallsreich. Viel interessanter sind die tragische Liebesgeschichte aus Mexiko von Thomas Feix und die Interviews, die Peter Wagner mit einer Medizinerin über psychische Störungen oder mit deutschen Frauen geführt hat, deren GI-Ehemänner traumatisiert aus dem Irakkrieg kamen.

Das Ganze ist keine verkrampfte Aktualisierung wie der misslungene, kürzlich ausgestrahlte Fernsehfilm, der Woyzeck als Kanalarbeiter in den Wedding der Jetztzeit zerrte. „Das Buch als Magazin“ lässt den Text den Text sein – und findet trotzdem etwas von seiner Not und Dringlichkeit im Heute.

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