Kultur : Ein Held zweiter Wahl

Silvia Hallensleben

Eigentlich sollte Jochen 1961 die Hauptrolle bekommen in den "Kindern von Golzow", dem Film, der damals den Startschuss gab für ein DEFA-Projekt, das als längste Langzeitbeoachtung des Films gilt. "Der kleine Dicke" gefiel dem Regisseur. Doch dem Kameramann war er nicht filmtauglich genug, er habe "die Mimik eines Eisbären". Der alte DEFA-Hase setzte sich gegen den Regiefrischling durch und Mitschüler Jürgen wurde zum Mittelpunkt. Bis dem Projekt irgendwann in den Siebzigern "die Helden ausgingen", wie Winfried Junge es einmal sagte: Jochen, mittlerweile ist er Melker, bekommt eine zweite Chance.

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Körperlich ist er ein Koloss, geistig mit einem Phlegma gesegnet, das ihn gegen Vereinnahmung wappnet. Gastspiele in der Stadtverordnetenversammlung und bei den Grenztruppen: Renitenz durch Überanpassung könnte man sein Programm nennen. Auch dem Regisseur gegenüber beharrt er auf einer eigenständigen Position.

Ein Held zweiter Wahl? Eher eine späte Kurskorrektur. Und eine Situation, die Anlass bietet zum Nachdenken über die unausgesprochene Verabredung auch des Dokumentarfilms bezüglich der Attraktivität seiner Helden. Schade, dass "Jochen" diese Fragen nicht weiter thematisiert. Und auch die Reibungen zwischen Filmemachern und Gefilmten werden zwar dokumentiert, reflektiert werden sie nie. So endet der Film in einem Dauerclinch: Jochen ist heimat- und arbeitslos, auf das Häuschen haben Alteigentümer Ansprüche angemeldet. Das reicht, findet Jochen, Schluss mit der Filmerei. Barbara und Winfried Junge sind nicht die Menschen, die solche Wünsche umstandslos akzeptieren.

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