Kultur : Ein Herz für die Heimat

Was bekommt Polen vom Papst? Es ist Tradition, Körper oder Teile der Nationalhelden heimzuholen

Christoph von Marschall

Wem gehört das Herz des Papstes? Die Spekulationen des Boulevards, ob der ganze Leichnam in Rom bestattet wird oder Teile nach Polen zurückkehren, falls doch noch ein entsprechendes Testament gefunden wird, sind nicht weit hergeholt. Einige berühmte Polen haben es so gehalten. Der Körper des Komponisten Fryderyk Chopin (1810-1849) ruht in Paris auf dem Friedhof Père Lachaise, das Herz kehrte auf seinen Wunsch nach Warschau zurück, in die Heilig-Kreuz- Kirche. Marschall Jozef Pilsudski (1867- 1935), den die Polen für ihren bedeutendsten Staatsmann der Neuzeit halten, verfügte, dass sein Herz im Grab seiner Mutter in Wilna beigesetzt wird, der heutigen Hauptstadt Litauens, die bis zum Zweiten Weltkrieg zu Polen gehörte. Sein Leichnam jedoch ruht in Krakau, in der Krypta der Verdienten unter der Wawel-Kathedrale. Pilsudski hatte mit seinen Legionen Polens staatliche Wiedergeburt nach dem Ersten Weltkrieg erkämpft; die Polen rühmen, er habe als einziger Feldherr der Neuzeit einen Krieg gegen Russland siegreich beendet: 1920, in der Schlacht an der Weichsel.

So ein geteiltes Begräbnis direkt nach dem Tod ist noch die gnädige Variante. Die Totenruhe mancher verdienter Polen wurde noch Jahrzehnte nach ihrer Beerdigung gestört. Sie wurden wieder ausgegraben und ein zweites Mal feierlich bestattet – an einem der beiden Orte, die für die Polen das nationale Pantheon bilden: der Kathedrale auf dem Krakauer Wawel, die über Jahrhunderte als Krönungskirche und königliche Grablege diente, oder im Paulinerkloster auf der Skalka, einem weiteren Kreidefelsen wenige hundert Meter weichselabwärts; in der Zeit der Teilungen (1772-1918) wurden dort mit feierlichen Begräbnissen nationale Identität und Nationalstolz belebt.

Wladyslaw Sikorski (1881-1943), Polens Exilpremier nach der deutschen Besetzung, war 1943 bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz bei Gibraltar ums Leben gekommen und wurde zunächst auf einem britischen Air-Force-Friedhof nahe London bestattet. Polnische Piloten kämpften damals in der Royal Air Force, auch die Exilregierung saß in London. Nach dem Sturz des Kommunismus wurde Sikorski 1993 heimgeholt und in der Krypta nahe Pilsudski beigesetzt.

Stanislaw Ignacy Witkiewicz (1885-1939), genannt Witkacy, einer der berühmtesten polnischen Maler und Schriftsteller, wurde vor wenigen Jahren aus der Ukraine nach Polen zurückgebracht. Er war 1939 vor Hitlers Armee aus Warschau nach Osten geflohen, und hatte in Podlesien Selbstmord begangen, als er hörte, dass Stalins Truppen von Osten nach Polen einrückten.

Diese Tradition, berühmte Söhne heimzuholen, reicht in das 19. Jahrhundert zurück. Der berühmteste Fall betrifft Nationaldichter Adam Mickiewicz (1798- 1855), den „polnischen Goethe“. Wie Chopin hatte er unter dem Verlust der Eigenstaatlichkeit in den Teilungen gelitten und war nach dem gescheiterten Novemberaufstand gegen die russische Besatzung von 1830/31 nach Paris emigriert. Wo immer sich im Völkerfrühling Freiheitsbewegungen bildeten, reiste Mickiewicz hin, um sich mit polnischen Legionen zu beteiligen – in der Hoffnung, dies werde am Ende zur Wiedergeburt eines polnischen Staates führen. So kam er 1855 nach Konstantinopel (Istanbul) in der Hoffnung auf einen Krimkrieg der Türkei gegen Russland; dort starb er an der Cholera. Schon die Regelung der Überführung nach Paris dauerte Wochen, dort wurde er im Januar 1856 begraben. In Krakau bemühte man sich ab den 60er Jahren um Mickiewiczs Heimkehr, doch erst, als die 1867 begonnene Autonomie im österreichischen Teilungsgebiet fest verankert war, erlaubte nicht nur Frankreich die Ausreise, sondern vor allem Habsburg die Einreise des Sargs. Sein zweites Begräbnis am 4. Juli 1890 wurde zu einem nationalen Triumphzug. Begleitet von Delegationen auch aus dem preußischen und dem russischen Teilungsgebiet wurde der Nationaldichter von Zehntausenden vom Bahnhof auf den Wawel geleitet und in der Krypta beigesetzt.

Juliusz Slowacki (1809-1849), der wohl zweitbekannteste Dichter und von Johannes Paul II. als Theaterautor hoch geschätzt, folgte 1927 und liegt heute neben Mickiewicz. Er war in Paris an Tuberkulose gestorben.

Der Reigen solcher nationalen Wiederbegräbnisse in Krakau hatte 1869 begonnen, als Königsgräber in der Krypta unter der Wawel-Kathedrale wieder entdeckt worden waren. Die Gelegenheit wurde benutzt, um Kasimir den Großen (1310- 1370) im Rahmen einer nationalen Demonstration abermals zur Ruhe zu betten. Er hatte von 1333 bis 1370 regiert und, wie polnische Schulkinder lernen, „Polen in Holz vorgefunden und in Stein hinterlassen“ – was auf seine reichhaltige Bautätigkeit hinweist.

Auch die andere Hälfte des Pantheons, die Grablege unter dem Paulinerkloster auf dem Skalka-Felsen, wird bis heute genutzt – dort wurde 2004 Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz begraben – und wurde in der Teilungszeit geschaffen, um die verlorene historische Größe zu beschwören. Am 19. Mai 1880, dem 400. Todestag des mittelalterlichen Chronisten Jan Dlugosz, waren dessen Gebeine in einem neuen Sarkophag bestattet worden. Über die Jahre folgten Dichter oder Maler, die zu einem Gutteil in der Emigration gestorben waren: Lucjan Sieminski, Wincenty Pol, Jozef Ignacy Kraszewski, Teofil Lenartowicz, Adam Asnyk, Stanislaw Wyspianski.

Karol Wojtyla kennt diese Orte und Traditionen aus den Jahren als Krakauer Erzbischof. Als Papst hat er dort mehrfach gebetet. Vielen Polen fällt es schwer zu glauben, dass er ihnen nicht wenigstens sein Herz schenkt.

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