Kultur : Ein Herz für Stiere

Ulrich Amling

Das minoische Stierspringen gilt als höchst gefährliches und darum selten praktiziertes Kunststück. Mit gesenktem Haupt wird das Anrennen des mächtigen Tieres erwartet, das mit furchtlosem Griff bei den Hörner gepackt werden muss. Der Stier wirft darauf sein Haupt in den Nacken, dieser heftige Stoß wirbelt den Torero über das Tier - ein salto mortale, die Arena jubelt.

Wäre das behäbige Berliner Ballettwesen so ein Stier, bewundert für seine spröde Kraft und zugleich als lohnende Opfergabe begehrlich beäugt - Blanca Li würde nicht eine Sekunde zögern: Die neue spanische Ballettchefin der Komischen Oper greift nach den Hörnern, sucht Gegenwind, der sie nach oben trägt. Doch was, wenn der Stier zu müde zum Schnaufen ist? Wie segelt es sich in der windstillen Ödnis, in die sich das Ballett der Komischen Oper unter dem glücklosen Richard Wherlock hineinmanövrierte - und lotsen ließ?

Viel Angriffslust hat die temperamentvolle Blanca Li bei ihrem Berliner Einstand nicht zu erwarten: Ihre Arbeitsstätte präsentiert sich ermüdet von ständig wechselnden kulturpolitischen Vorgaben und verstrickt in Querelen durch den dauernden Umbau der Compagnie. Und das Publikum trauerte mit jeder Premiere mehr Tanz-Übervater Tom Schilling nach - oder blieb einfach weg.

Keine guten Bedingungen fürs Stierspringen. Keine Hörner zu sehen, und trotzdem schmeckt die Luft nach Gefahr. Viele ehemalige Tänzer des Hauses sitzen im Publikum, der Senat ist hochkarätig vertreten, und sogar Catherine Deneuve hat sich angekündigt. Man hätte so gerne mal was Mondänes gesehen. Doch Blanca Li, die es in der vergangenen Woche geschafft hat, ein Stimmungshoch in den Ballettsälen der Komischen Oper zu entfachen und Premierenkarten so begehrt wie lange nicht mehr zu machen, kann sich nicht entscheiden, wie sie es anpacken soll. Mit "Der Traum des Minotaurus" entwickelt sie eine frühere, für kleines Ensemble entstandene Choreografie weiter und versieht das Werk gleichzeitig mit einer sinfonischen Tonspur. Debussy, Ravel, Fauré - eine erlesene Auswahl, kompetent durch das Orchester der Komischen Oper unter Tetsuro Ban dargeboten. Doch es scheint, als hemmten gerade diese Kostbarkeiten der E-Musik die Fähigkeit von Lis Tänzern zu unterhalten. Aus dem natürlichen Gefälle zwischen musikalischen Meisterwerken und locker ästhetisch ausgeleuchteten griechischen Vasenbildchen wird kein wirklich komischer Gewinn gezogen.

Denn so sieht die antike Ikonografie für Blanca Li aus: Am laufenden Band ziehen lebende Bilder am Horizont vorbei, die mal martialische Kriegsszenen, mal verzwickte Liebesstellungen darstellen dürfen. Ein endloser Fries, der die Überlegenheit des Posings über die Position feiert. Man befindet sich stilistisch irgendwie, irgendwo, irgendwann zwischen einer auf Show-Werte bedachten Travestie, die "Toll trieben es die alten Griechen" heißen könnte, und einer unterkühlten Hommage an die Schönheit des Körpers schlechthin. Und da beides beständig ineinander rinnt wie bei einem durchweichten Aquarell, bleiben Lachen und Staunen in den stummen Tiefen des Publikums verschlossen. Was soll man zu einem steifbeinigen Amazonen-Angriff, der mit häuslichem Popo-Klatscher endet, groß sagen? Blanca Lis völlig neu arrangierte Compagnie wirkt bei alledem noch nicht sehr trittfest. Technisches Vermögen und stilistisches Verständnis driften mitunter weit auseinander, zu weit für ein Ensemble, das als Gruppe verstanden werden will. Zugleich sind die Arrangements nicht individuell genug gezeichnet, um jeden einzelnen Tänzer zum Leuchten zu bringen, wie Pina Bausch das etwa fesselnd versteht.

Lis Akteure lächelnd unergründlich, erstarrte Spieler-Gesichter, die stoisch ein reichlich ausgedörrtes Bewegungsvokabular buchstabieren. Das Meer - eine gymnastische Masse Purzelbäume absolvierender Männer, das Verlangen - ein Reigen wogender Hüften. Blanca Lis tänzerische Übersetzungen sind klein und bräuchten viel Elan, um dennoch von der Stelle zu kommen. Doch spärliche "Juchhu"-Rufe und ein vom Kopf fallender Efeukranz werden von jeder Antikendarbietung an Berliner Schulen an die Wand gespielt. Auch die knappen Schürzchen von Modedesigner Eric Bergère hätten in einer ehrwürdigen Aula mehr entzückte Blicke auf sich gezogen. So versandet der Premierenabend mit elegischen Satie-Klängen, jenen berühmten "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten"-Akkorden, zu denen sich nackte Oberkörper dehnen und strecken. Wogende Torsi. Die einen zählen Rippen, die anderen die Minuten. Und Minotaurus träumt weiter von einem Ausweg aus den labyrinthischen Sackgassen des Unterhaltungsgewerbes.

Die kräftigen Buh-Rufe für ihren wenig befriedigenden Einstand nahm Blanca Li herzlich lachend entgegen. Ihr unbeugsamer Charme animierte auch manchen Zweifler zum Klatschen. Sie, die angetreten ist, ein neues Publikum für die Komische Oper zu erobern, bekommt nun gleich Widerstand zu spüren. Und dieser kraftvoller Unmut ist ihre größte Chance. Man kann nur hoffen, dass die Ballettchefin der Komischen Oper ihn für einen gewagten Sprung nutzt, hoch über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Sie werden sich schon umdrehen.

Die nötigen Zutaten für Erfolgsmischungen mit eigenem Aroma kennt Blanca Li. Während auf der Premierenfeier die Bouzouki aufspielt, Oliven und Knoblauchzehen verdrückt werden, flimmern auf Monitoren die Musikvideos der Spanierin: Grell mischen sich dort Stile und Bewegungen, ruckend stoßen Mumien an Außerirdische. Man fühlt in diesem Medium die Lust an der Kollision, dem furchtlosen Spiel, dem Zusammenprall der Welten. Vielleicht sollte Blanca Li ihre Tänzer einfach mal zu einem Videoabend einladen.

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