Kultur : Ein Hund im März

Der Balkan braucht Europa mehr denn je – oder: wer die Schuld an den neuen Unruhen im Kosovo trägt

Beqe Cufaj

Es ist März. Ein Monat, in dem im Kosovo alles passieren kann, wie die Geschichte wieder einmal zeigt. Dort kann ein Hund einen Krieg auslösen.

Diesen Hund haben wohl einige Serben auf vier albanische Kinder gehetzt. Drei von ihnen sprangen aus Angst in den Fluss, der die Stadt Mitrovica – ein Belfast des Balkans – teilt, und ertranken. Das vierte, überlebende Kind berichtete seinen Eltern von dem Vorfall, diese den Nachbarn, die Nachbarn ihren Nachbarn, und schließlich alarmierten die kosovarischen Medien die Öffentlichkeit.

In kürzester Zeit war das ganze Zweimillionenland auf den Beinen. Die Emotionen der Vergangenheit, der ganze Hass zwischen Albanern und Serben flammten wieder auf, und was in fünf Jahren für den Wiederaufbau des Landes auf multiethnischen Grundlagen unternommen worden war, brach mit einem Schlag zusammen.

Am Anfang standen friedliche Proteste in Mitrovica, dann wurden die ersten Steine geworfen, und die Menge versuchte, den Polizeikordon zu durchbrechen, um in den serbischen Teil zu gelangen. In gewissen Kreisen holte man zu beiden Seiten des Flusses die Kisten mit den Kalaschnikows und Pistolen aus den Verstecken, und man begann, sich Feuergefechte zu liefern, Albaner, Serben und Internationale. Demonstranten verloren ihr Leben, arbeitslose junge Burschen ohne Perspektive, leicht zu manipulieren, aber auch Leute wie jene unschuldigen serbischen Frauen, die gerade auf den Balkons ihre Wäsche aufhängten. Jahrhundertealte Kirchen und Klöster, aber auch Wohnhäuser gingen in Flammen auf.

Mitarbeiter internationaler Organisationen versuchten hastig, sich in Sicherheit zu bringen, während Einheimische ihre Autos und Büros demolierten und sogar die blauen Fahnen der UN verbrannten. Attacken radikalisierter Jugendlicher zwangen die in den Städten verbliebenen Serben, die unter dem Einfluss Belgrads der UNMIK-Verwaltung bis heute die Anerkennung verweigert haben, zur Flucht. Sie unternahmen kilometerlange Fußmärsche, um in serbischen Enklaven Schutz zu finden. Ein paar Stunden später strömten in Belgrad, Niš, Novi-Sad und anderen serbischen Städten die Einwohner zu Zigtausenden auf die Straßen. Sie legten Feuer an Moscheen, die zu den ältesten auf dem Balkan gehören. So genügten ein paar Stunden, und das aus der Berichterstattung fast verschwundene Kosovo war blutig in den Schlagzeilen zurück.

Woher stammt diese Wut, diese ganze verheerende Energie? Noch immer sind mehr als 3000 albanische und 1000 serbische Opfer des Krieges von 1999 vermisst. Sind es also die Wunden der jüngeren Vergangenheit? Oder ist es einfach der jahrhundertealte Hass zwischen Albanern und Serben? Gewiss ist an beidem etwas Wahres. Aber es wäre einigermaßen naiv zu glauben, der kleine Kosovo-Krieg des Jahres 2004 sei eine Neuauflage des großen Kosovo-Krieges, der von März bis Juni 1999 die Welt erschütterte.

In den fünf Jahren seit damals wurden im Kosovo große Ziele verfolgt. Die Uno hat sich die Aufgabe gestellt, ein weiteres Auseinanderdriften der ethnischen Gruppen in dem kleinen Land zu verhindern, eine Perspektive für die wirtschaftliche und politische Integration der Region innerhalb Europas zu entwickeln und – in diesem Rahmen – den endgültigen Status des Kosovo zu klären. Nach den Tagen der Zerstörung ist von diesen Plänen nicht viel übrig. Schuld daran tragen – wir alle. Die national-sozialistische serbische Führung in Belgrad mit Koštunica an der Spitze, die nach wie vor nicht begreifen will, dass Kosova für sie verloren ist, und die mit ihrer Politik, in der die kosovarischen Serben die Rolle von Geiseln spielen, deren Unglück nur verschlimmert. Die unfähigen Führer Kosovas – den agilen, aber allein gelassenen Ministerpräsidenten Rexhepi einmal ausgenommen –, die nach wie vor nicht begreifen wollen, dass die wortreich beschworene Unabhängigkeit des Kosovo ohne den Schutz der serbischen Kosovaren und die Gewährleistung ihrer Rechte nie zu erreichen sein wird. Die Interimsverwaltung der Vereinten Nationen im Kosovo (UNMIK), die nach wie vor nicht versteht, dass man die Misserfolge einer im Schneckentempo betriebenen Politik nicht durch Arroganz bemänteln kann. Brüssel, Berlin, London, Paris und Washington, die den Balkan aus den Augen verloren hatten und die mit ihrer nachlässigen Haltung den Protagonisten der Politik des Hundes in die Falle gegangen sind. Egal, ob der Hund serbisch oder albanisch ist.

Nun ist es, vor allem für Brüssel, allerhöchste Zeit, sich dem Balkan wieder zuzuwenden, der, falls es jemand vergessen hat, ebenfalls zu Europa gehört. Der 1999 als eine Art Marshall-Plan für den Balkan in die Welt gesetzte Stabilitätspakt für Südosteuropa ist gescheitert. Alle Debatten über einen Beitritt der Türkei zur EU sind, gelinde gesagt, nicht sinnvoll, solange man gleichzeitig Südosteuropa zur Seite schiebt.

Alle zwei, drei Monate besucht Erweiterungskommissar Günther Verheugen Ankara, aber in unseren Hauptstädten, in Belgrad, Prishtina, Podgorica, Skopje, Sarajewo oder Tirana hat er sich bisher noch nicht blicken lassen. Der Balkan, vor allem Kosovo, das Gebiet mit der stärksten Armut auf dem alten Kontinent, braucht Europa. Er braucht das Gefühl, dazuzugehören und ernst genommen zu werden.

Aus dem Albanischen von Joachim Röhm.

Beqe Cufaj, 33, ist im Kosovo geboren und lebt seit sechs Jahren als Schriftsteller in Deutschland. Sein Roman „Der fremde Glanz“ erscheint demnächst auf deutsch im Zsolnay-Verlag.

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