Kultur : Ein Ich, ein Du und gegen die Zeit - Pernilla Glasers ungewöhnliche Liebesgeschichte

Imke Meier

Es gibt Erfahrungen, die muss man am eigenen Körper gemacht haben, um sie so eindringlich schildern zu können. Aus ihnen spricht eine Authentizität, für die keine Recherche, kein Einfühlungsvermögen ausreichen würde. Auf 143 spärlich bedruckten Seiten schreibt die Schwedin Pernilla Glaser in einer schmerzhaft kargen Sprache darüber, wie eng Liebe und Tod zusammenliegen. Sie erzählt von der Liebe ihrer Protagonistin zu dem Brasilianer Robson - eine Liebe, die so stark ist, wie sie noch nie eine Liebe empfunden hat, die jedoch nach kurzer Zeit ihre Unbeschwertheit verliert. Robson hat Krebs, bösartige Tumore, die sich im ganzen Körper ausbreiten. Schnell wird klar, dass das Leben nur noch ein Kampf gegen die Zeit ist. Aufopferung bis zur Selbstaufgabe, alle anderen Ziele werden nebensächlich: "Die Müdigkeit erfasst auch mich. Wie ein Helm sitzt sie auf meinem Kopf, wie ein Schmerz in meinen Knochen. Ich zwinge die Tage zum Vergehen, indem ich sie mit genau berechneten Aufgaben fülle. Einkaufen, Waschen, Verlängerungskabel besorgen."

Die Geschichte spricht von einem "Ich" und einem "Du", ist ganz nah an den Geschehnissen dran, beschreibt sie chronologisch, enthält manchmal sogar Ausschnitte aus dem Tagebuch. Hier verschwinden Grenzen zwischen Jugend- und Erwachsenenbuch. Sprachlich anspruchsvoll, dicht, poetisch und sehr ausdrucksstark: "Tanz auf dünnem Eis" ist ein Stück Trauerarbeit. Doch es weist über die Erfahrung des Todes hinaus, behält auch in den schrecklichsten Momenten noch seine Träume und Hoffnungen. Es vermittelt nicht nur Schrecken, sondern Mut.Pernilla Glaser: Tanz auf dünnem Eis. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Carlsen Verlag, Hamburg 1999. 112 S. , 24 DM. Ab 16.

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