Kultur : Ein Interview mit dem iranischen Regisseur

Vor zwei Jahren erwartete man Sie in Berlin zu ein

Abbas Kiarostami, geboren 1940 in Teheran, gilt als der bedeutendste Filmemacher Irans. Ursprünglich Maler, drehte er in den den sechziger Jahren über 150 Werbefilme. Später setzte er sich, zumeist mit Kindern und Laien arbeitend, als Autorenfilmer durch und feiert seit Jahren Erfolgen bei den großen Festivals. Seine Arbeit wird durch die Zensur in Iran immer wieder behindert.

Vor zwei Jahren erwartete man Sie in Berlin zu einer Retrospektive Ihrer Filme. Sie kamen nicht. Es hieß, Sie hätten Ihr Flugticket in einem Pariser Taxi liegen gelassen.

Manchmal verliere ich meine Papiere. Manchmal will ich nicht reisen. Und manchmal lässt man uns nicht verreisen.

Sehen Sie sich überhaupt als Reisenden?

Es gab einen Dichter, Hafis, der lebte in Shiraz vor 1000 Jahren. Und es gab einen anderen, Sadie, der in der gleichen Stadt lebte. Sadie ist viel gereist. Hafis hat nie eine Reise gemacht. Und doch, in den Büchern von Hafis erfährt man mehr über das Reisen als in denen von Sadie. Die Phantasie ist ein besserer Reisender als unser Körper.

Ihr neuer Film "Der Wind wird uns tragen" ist nach einem Gedicht der persischen Dichterin Forogh Farokh Zade benannt. Auf andere Art erzählt auch er vom Reisen.

Forogh Farokh Zade, eine bekannte Dichterin, führte ein unkonventionelles Leben, hat Filme gemacht und starb 1967 bei einem Autounfall. Während der Dreharbeiten entdeckte ich ihre Gedichte wieder. Besonders das Gedicht "Der Wind wird uns tragen" ist mir so nah, dass ich glaubte, es wäre mein eigenes Drehbuch. Sie spricht darin von dem Sinn des Lebens und des Todes. Davon dass der Wind eines Tages unser letztes Lebensblatt mitnimmt.

Sie drehten in einem abgelegenen kurdischen Dorf. Was ist Fiktion, was Dokumentation?

Sobald die Kameras da sind, ändert sich alles. Wenn das Auge durch die Kameralinse schaut, ändert sich wiederum alles. Wenn diese zwei Veränderungen eintreffen, gibt es eine Realität. In diesem Dorf waren wir die ersten Fremden. Die Dorfbewohnern fanden uns merkwürdig und wollten auch nicht vor der Kamera auftreten. Wir mussten die Darsteller aus einem anderen Dorf holen. Die kannten uns und waren bereit zu spielen.

Man weiß lange nicht, was die Hauptfigur in dem Dorf sucht. Sie weigern sich überhaupt, eine lineare Geschichte zu erzählen.

Scheherazade erzählte auch nicht alles und weckte so die Neugierde. Die Informationen werden nach und nach gegeben, doch einige stellen sich später als unwahr heraus. Nur so kann man einen von Anfang bis Ende spannenden Film machen.

Sie setzen Dialoge sehr sparsam ein und entwickeln bei den Landschaftsszenen eine suggestive Sprache. Wie ist das Verhältnis zwischen Natur und Stille in ihren Filmen?

Auch im realen Leben kommen stille Momente so häufig vor wie solche, in denen gesprochen wird. Das Kino ist hierfür ein adäquates Medium, denken Sie an die Stummfilme. Und die Natur ist Teil unserers Lebens, selbst wenn wir uns nicht in ihr aufhalten. Leider hat das Hollywood-Kino uns derart verdorben, dass wir die Realität kaum mehr empfinden. Ich stehe genau auf der Gegenseite von dieser Art Kino. Ich versuche, in meinen Filmen das Leben wiederzugeben.

Filmregisseur: War das Ihr Berufstraum, von Anfang an?

Nein, es ist einfach passiert. Mein Vater war Freskenmaler, meine Mutter eine sehr religiöse Frau. Ich bin in einer achtköpfigen Familie als ältester Sohn aufgewachsen. Ursprünglich wollte ich Maler werden und male auch jetzt noch.

Sie begannen mit Lehrfilmen für Kinder. Inwiefern hilft einem diese Arbeit, einen eigenen Stil zu finden?

In all diesen Jahren habe ich sehr viel von den Kindern gelernt, ja, meinen Blick auf das Leben von ihnen übernommen. Einem Kind zu begegnen ist immer weitaus interessanter als einem Erwachsenen. Ich liebe die Kinder, weil sie miteinander kämpfen, doch ohne Zorn und Hass. Ich liebe sie, weil sie etwas aufbauen, um es wieder zu zerstören, ohne Angst davor zu haben, es noch einmal aufbauen zu müssen. Ich liebe die Kinder, weil sie sich in ihren Kleidern einfach auf die Straße setzen, und ich liebe sie, weil sie ihre Gefühle zeigen. Aber ich habe nicht nur Positives in ihnen gefunden, sondern auch opportunistisches Verhalten und Mutwillen.

Hat diese Inspiration durch die Arbeit mit Kindern auch dazu geführt, dass Sie grundsätzlich mit Laiendarstellern arbeiten?

Meinen ersten Film habe ich mit einem siebenjährigen Jungen, einem streunenden Hund und mit noch ein paar anderen Laien gemacht. Sie haben mir sehr geholfen, weiter Filme zu machen. Ich zwinge meinen Darstellern nie einen Dialog auf, weil sie den Text nicht auswendig lernen können. Bei den Dreharbeiten versuche ich, eine Atmosphäre zu schaffen, bei der sie die Kamera vergessen und sich freier fühlen. Ich benutze auch wenig Beleuchtung und keine Filmklappe vor jedem Take, sondern verständige mich mit ihnen und dem Team mittels Zeichen. Diese absolute Ruhe auf dem Set ist notwendig, weil meine Schauspieler vor der Kamera so agieren, wie sie sind. Sie können gar nicht vorgeben, ein anderer zu sein.

Sie arbeiten also ohne fertiges Drehbuch. Wie funktioniert das denn?

Ich schreibe einen Entwurf. Dann suche ich nach Drehorten, dann suche ich die Darsteller aus und nehme sie mit zu den Drehorten. Dort verbringen wir eine gewisse Zeit zusammen und entwickeln gemeisam die Dialoge. Keiner bekommt ein Drehbuch, denn Leute wie ich haben negative Erfahrungen mit Geschriebenem gemacht. Außerdem sagen meine Darsteller, sie können nicht nach Drehbuch spielen. Es gibt auch keine langen Proben. Ich stelle sie vor die Kamera, sage ihnen ihren Text vor, und sie wiederholen ihn. Die Dialoge entstehen genau in diesem Moment.

Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation in Iran? Gibt es mehr künstlerische Freiheit?

Unsere Erfahrungen sind in dieser Hinsicht noch sehr gering. Was neu hinzugekommen ist, ist die Hoffnung, dass wir eines Tages diesen Zustand erreichen werden.

Ihr letzter Film "Der Geschmack der Kirsche" ist in Iran nicht gezeigt worden. Es hieß, der Film sei zu defätistisch und befürworte den Selbstmord.

Es macht keinen großen Unterschied, ob der Film in meiner Heimat gezeigt wird oder nicht, denn nur wenige Zuschauer sind bereit, Geld für meine Filme auszugeben. Im übrigen kann ich an einem Film nachträglich nichts ändern, der Prozess des Entstehens ist für mich langwierig genug. Ich ziehe es dann vor, wie einige Freunde mir bescheinigen, ein guter Ehemann zu sein und zu Hause zu bleiben.

Gibt es eine direkte Auswirkung von Zensur in ihrem Werk, so dass Sie gezwungen sind, eine besondere Filmsprache zu entwickeln?

Der Staat - in Iran werden pro Jahr 60 Filme produziert - verlangt nicht von uns, dieses zu tun oder jenes zu unterlassen. Generell bin ich kein Anhänger des symbolischen Kinos. Ich halte auch die iranischen Behörden nicht für intellektuell so unterbelichtet, dass sie meine verschlüsselten Botschaften nicht verstehen, wohl aber die Zuschauer. Es liegt vielmehr in der Natur der Kunst selbst, dass sie eine gewisse Ambiguität braucht. Deshalb benenne ich die Dinge ungern direkt.

Wie ist unter solchen Bedingungen das Verhältnis der Filmregisseure untereinander?

Jeder von uns geht seinen Geschäften nach. Natürlich sehen wir uns manchmal, mehr aus der Ferne, dann winken wir uns gegenseitig zu. Das ist alles.

Stimmt es, dass Sie in nächster Zukunft an keinem Filmfestival teilnehmen wollen?

Ja. Dabei war es für meine Arbeit lebensnotwendig, dass sie auf Festivals gezeigt wurde. Filme, wie ich sie mache, brauchen die Unterstützung durch internationale Festivals und die Anerkennung der Kritik, sonst würden sie noch weniger Publikum erreichen. Aber mit Filmen ist es wie mit Kindern, irgendwann fangen sie an, von selber zu laufen. In 30 Jahren habe ich an die 60 Preise bekommen. Das ist zu viel. Es hat mir zwar sehr geholfen, aber es funktioniert nicht mehr. Genauer, es funktioniert negativ. Es wäre gefährlich für mich, wenn mein Interesse an Auszeichnungen wachsen würde. Ich war auch Jurymitglied und weiß, wie schwierig es ist, eine Film zu beurteilen und nicht den Namen, der dahinter steht. Ich möchte lieber weiter in Ruhe arbeiten und jüngeren Regisseuren den Platz überlassen. Das Gespräch führte Fotini Mavromati

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