Kultur : Ein irres, blindes Welttheater: Richard Avedon wird 80

Christian Schröder

Porträtfotografen gelten als Seelenkundler. Ihrem präzisen Blick, so heißt es, bleibe nichts verborgen. Das ist natürlich Unfug, in Wirklichkeit interessieren sich gute Porträtfotografen nur für eines: die passende Blende und die richtige Belichtungszeit. „Ein Porträt ist keine Abbildung, es ist eine Meinung“, sagt Richard Avedon. „Ich interessiere mich nicht für die Geheimnisse der Personen, die ich fotografiere.“ Der Amerikaner hat Chaplin fotografiert, der seine Zeigefinger wie Teufelshörner an den Kopf presst. Andy Warhol zeigte ihm seinen von Operationsnarben gezeichneten Körper. Marilyn Monroe setzte sich nackt in den Passbildautomaten, den er in seinem Atelier aufgestellt hatte. Wahrscheinlich ist Richard Avedon, der heute 80 Jahre alt wird, der größte lebende Porträtfotograf.

Seinen oft kopierten Stil hat der Sohn jüdisch-russischer Einwanderer schon in den Vierzigerjahren entwickelt, er folgt sehr einfachen Regeln. Avedon arbeitet mit einer Großbildkamera, die jede Gesichtspore registriert, der Hintergrund seiner Bilder ist gänzlich weiß, beim Vergrößern lässt er den Filmrand stehen. „Ich habe mit einer Reihe von ,Neins’ angefangen“, sagt er. „Nein zu perfektem Licht, nein zu aufdringlichen Kompositionen, nein zu Posen und Narrationen. Und diese ganzen ,Neins’ zwangen mich zu einem großen ,Ja’. Ja, mich interessiert der Mensch, den ich vor der Kamera habe, und ich will wissen, was zwischen uns passiert.“ Mit der Welt der Mode kam Avedon früh in Berührung. Seine Eltern betrieben ein Damenbekleidungsgeschäft in New York, das „Avedon’s Fifth Avenue“ hieß. Im Krieg kam er zur Handelsmarine. Weil sein Vater ihm gerade eine Rolleiflex geschenkt hatte, bewarb er sich bei der Fotoabteilung und schoss Zehntausende von Passfotos.

Nach dem Krieg landete er fast zwangsläufig in der Modefotografie und bei „Harper’s Bazaar“. Avedon gehörte mit Irving Penn und Bert Stern zu einer Generation von Fotografen, die das Fashion-Genre revolutionierten. Er ging raus aus dem Studio und nahm seine Models mit auf die Straße, zeigte sie in Cafés, auf öffentlichen Plätzen und vor Hintereingängen. Mode als Teil des Alltags. Für eine berühmte Aufnahme platzierte er das Starmanequin Dovima zwischen zwei Elefanten, die sich artig den Rüssel kraulen ließen.

Ein Mann des Hochglanzes ist Avedon trotzdem nie gewesen, deshalb war für ihn der Weg von der Mode in die soziale Wirklichkeit sehr kurz. In den Sechzigerjahren wandelte er sich zum Chronisten des amerikanischen Traums, man könnte ihn sogar einen Moralisten nennen. Avedon holte verstümmelte vietnamesische Napalmopfer ebenso vor seine Kamera wie die Militärs, die die amerikanischen Angriffe geplant hatten. Er zeigte Hippies und Rekruten, demonstrierende schwarze Bürgerrechtler und weiße Neonazis und er erweiterte seine nüchterne Sprache um Gruppenporträts, in denen die Akteure wie in einem irren, blinden Welttheater agieren. Hier sind es der Kriegsfotograf Dennis Cameron, die Vietnam-Korrespondentin Gloria Emerson und ihr Dolmetscher. Das Bild entnehmen wir dem Avedon-Klassiker „The Sixties“ (Schirmer/Mosel Verlag, München 1999, 235 Seiten).

Avedons Blick ist kühl und präzise, das wirkt mitunter schockierend. „Meine Fotografien blicken hinter gar nichts. Sie lesen nur ab, was an der Oberfläche zu sehen ist. Ich habe ein großes Vertrauen in die Aussagekraft der Oberfläche.“

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