Kultur : Ein Ja zu Naumann

GÜNTER FEIST

Diesen Schlag hat die Berliner Krähwinkelei, deren Kehrseite die Großmannssucht ist, wahrlich verdient.Gegen das eine Extrem wie gegen das andere ist in den letzten Jahren schon so mancher zu Felde gezogen, doch das Klein-Klein oder das Groß-Groß ging weiter.Naumann könnte effektiver sein.Was sein plötzliches Auftreten so spektakulär machte, war doch nicht so sehr die Nominierung für ein Amt, das es überdies noch gar nicht gibt und vielleicht nie geben wird.Die Premiere des "Kulturkandidaten" der SPD hätte ja ganz anders ausfallen können: blaß, nichtssagend im üblichen Sprechblasenstil der Politprominenz.Das Aufsehen, das Naumann erregte, kam nicht von der ihm zugedachten Rolle her.Es ergab sich aus der Art seiner Artikulation, aus der Prägnanz seiner Haltung.Dergleichen erlebte man schon lange nicht mehr.

Klarer, als Eberhard Diepgen es je gewagt hat - von den Berliner Lokalgrößen der SPD ganz zu schweigen -, plädierte Naumann für die Errichtung einer Stadtschloß-Replik, die Detailfragen freilich auslassend.Das Thema ist nicht neu; es wurde endlos diskutiert - zur Verwunderung des Auslands, vor allem der Russen und Polen.Für deren Verlangen nach nationalkultureller Identität wäre es eine pure Selbstverständlichkeit gewesen, ein böswillig geschleiftes Bauwerk von solcher Bedeutung und von solch kunstgeschichtlichem Rang wieder sichtbar zu machen, zumal das Berliner Stadtbild geradezu danach schreit.Der Straße Unter den Linden, der Berliner "Kennung", sollte nach dem westlichen Abschluß, dem Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor, auch der östliche Abschluß wiedergegeben werden.Warum mußte das erneut ein Nichtberliner den Berlinern sagen?

Natürlich ist nicht jede von außen kommende Meinung per se hilfreich.Helmut Kohl war es, der die von Naumann angeprangerte Aufblähung der kleinen Kollwitz-Pietà zur Ehrenmal-Figur verfügte.Naumann hat daran erinnert, doch gibt es in der Tat eine Beziehung zwischen der urheberrechtlich wie künstlerisch bedenklichen Vergrößerung dieser Skulptur und der Aufblasung des Berliner Mahnmal-Projektes ins Monströse.Die Bürgerinitiative von 1988 hatte ganz richtig an das Gelände "Topographie des Terrors" gedacht.Hier, an der Stelle des einstigen Machtzentrums der SS, hätte das Mahnmal oder hätten die Mahnmale für alle oder für einzelne Opfergruppen einen zutreffenden Standort gehabt.Die für ein "zentrales" Mahnmal unverzichtbare "Rückkoppelung" zu den Gedenkstätten in ehemaligen Vernichtungslagern und zur Wannseevilla - der wichtigste Faktor des ganzen Vorhabens überhaupt; bei Libeskind gibt es sie wenigstens im Ansatz.

Doch dann kamen der Mauerfall und der Hauptstadtbeschluß, und jetzt konnte es nicht groß und auffällig genug sein.20 000 Quadratmeter der Ministergärten nahe des Brandenburger Tores - und wie gefüllt! Ein Paukenschlag, wo Demut, Scham und Stille angezeigt wären.Umgehend wurden Bedenken laut, daß solcherart Gigantomanie in eine peinliche Nachbarschaft zur Monstrosität des Verbrechens und zur Ästhetik der Verbrecher führen würde.Aber sie wurden weggewischt.Die Folge der mangelhaften politisch-psychologischen Einfühlung in die so unvergleichlich schwierige Problematik war eine schier endlose Kette von Fehlern, Pannen, Abbrüchen, Verfahrensänderungen und Streitereien am falschen Objekt sowie von immer neuen Demütigungen der Künstler, die sich von den falschen Prämissen der Auslober hatten in eine Falle locken lassen.Doch der Unmut schwoll unablässig an.Tiefe Verunsicherung ergriff selbst und gerade die Jüdische Gemeinde.

Als vor Jahren schon einmal eine Entscheidung anstand, mußte Helmut Kohl selber die Notbremse ziehen.Aber das von ihm inzwischen favorisierte Feld von Betonstelen, seien es nun 4000 oder "nur" 2500 an der Zahl, ist kaum besser als die riesenhafte "Grabplatte" von damals.Es wäre fatal, wenn der Kanzler per CDU-internem Machtwort die Vorbehalte des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen, mißachten und gegen alle Widerstände das Mahnmal seines Verständnisses als Schlußpunkt seiner Ära durchsetzen würde.Der Ursprungsidee einer wahrhaft würdigen Stätte zum Gedenken an die ermordeten Juden Europas wäre damit alles andere als entsprochen.Sie verweigert sich schlicht der Realisation auf eine Weise wie diese.Auch hierzu könnte Naumanns Wort, das die unzähigen Einsprüche bündelt, noch zur rechten Zeit gekommen sein.

Der Autor lebt als Kunsthistoriker in Berlin

0 Kommentare

Neuester Kommentar