Kultur : Ein Jahr im Rausch

2007 feierte der Kunstmarkt Rekorde. Folgt nun das 200-Millionen-Dollar-Bild oder der Kunstcrash?

Matthias Thibaut

Keiner hat den Kunstmarkt in diesem Jahr so emsig bespielt wie der arrivierte Bürgerschreck Damien Hirst. Mit seinem Juwelen besetztenTotenschädel trieb er die transzendentale Seite unseres Kunstkonsumrauschs heraus, hatte aber auch sonst seinen Spaß. Sein Pillenschrank „Lullaby Spring“ erzielte den Superpreis von 9,6 Millionen Pfund, seine Ausstellung bei White Cube war mit 200 Millionen Euro Umsatz ausverkauft. Da konnte sich Hirst gut in New York ein kleines Selbstporträt von Francis Bacon für 33 Millionen Dollar ersteigern.

Als der Totenschädel für 38 Millionen Pfund an ein Konsortium verkauft wurde, höhnten Journalisten, Hirst habe den Preis stützen und einen Anteil selber kaufen müssen. Aber hat er nicht auch von Charles Saatchi die eigene Kunst mit hohem Einsatz zurückgekauft? Hirst weiß, dass Kunst heute wie Hypothekenschulden scheibchenweise weitergereicht wird. Man verteilt das Risiko und hält an künftigen Gewinnen fest. In London kaufte er dann en bloc die Ausstellung des Straßenkünstlers Paul Insect in der Lazarides Gallery und bot bei Bonhams – vergeblich – eine Million Pfund für das viktorianische Kuriositätenkabinett Potter: ausgestopfte Tierchen, die Tee trinken und Zeitung lesen.

Der Markt hat eben viele Facetten. Ganz oben wird er von einem immer enger gestrickten Klüngel aus Sammlern, Galeristen und Künstlern bespielt. Hedgefonds-Milliardäre wie Adam Sender, Steve Cohen, der Hongkonger Supersammler Joseph Lau oder der New Yorker Adam Lindenmann, der zu Hause eine „Brillo Box“ von Warhol als Kaffeetisch nutzt und den großen Tablettenschrank aus Hirsts „Pharmacy“-Restaurant im Wohnzimmer stehen hat.

Im Herbst reichte Lindemann Jeff Koons magentarotes Kitschherz über Sotheby’s und Starhändler Gagosian für 23,6 Millionen Dollar an den Sammler Eli Broad aus Los Angeles weiter – zum Zehnfachen des Einkaufspreises. Diese schnellen Deals, oft mit Preisgarantien der Auktionshäuser abgesichert, die ihrerseits das Risiko im Voraus in Anteilen weitergeben, erinnern an 1990, den Höhepunkt des Japanbooms. Auch damals platzte, als die Impressionistenkunst jäh abstürzte, gerade eine weltweite Kredit- und Anlageblase.

Wenn wir im Januar die Jahresbilanzen der Auktionsgiganten erhalten, werden wir sehen, dass das annus mirabilis 2006 noch einmal übertrumpft wurde. Sotheby’s wird einen globalen Umsatz von über 5,2 Milliarden Dollar melden – gegenüber 3,75 Milliarden im Rekordjahr 2006. Aber nie war der Boom so massiv von der aktuellen Kunst angetrieben. Seit Jahren weist die Umsatzkurve steil nach oben. Aber in diesem Jahr hat sich Sotheby’s Umsatz mit Zeitgenossen von 647 Millionen Dollar in 2006 auf 1,28 Milliarden in 2007 fast verdoppelt.

Machten die Auktionshäuser im vergangenen Jahr ihre hohen Preise noch mit Bildern der klassischen Moderne – Klimt, Picasso, Kirchner –, regierten 2007 die Contemporaries. Unten kommen und gehen die Modekünstler. Statt Neo Rauch nun Anselm Reyle, von dem eine Abstraktion bei Christie’s im Herbst auf 18 000 Pfund geschätzt war und bei 311 700 Pfund zugeschlagen wurde.

Oben werden die abgesicherten Heroen der jüngeren Kunstgeschichte wie Aktiengesellschaften weitergereicht: Rothko, dessen White Centre mit 72 Millionen Dollar das teuerste Kunstwerk des Jahres war, Warhol, Francis Bacon und, abgeschlagen, der deutsche Superstar Gerhard Richter, dessen „Düsenjäger“ immerhin 11,2 Millionen Dollar erreichte.

Die Auktionsflops des Jahres kamen aus der älteren Kunst. Sotheby’s Impressionisten-Auktion im November war nicht gerade eine Katastrophe. Aber der Rückgang eines hochgelobten Gemäldes von van Gogh und einer Reihe anderer Spitzenwerke ließ aufhorchen. Dann wurde im Dezember Christie’s Altmeister-Auktion durch zu ehrgeizige Taxen verhagelt. Wo waren die vielbeschworenen neuen russischen Käufer?

Nicht die immer verrückteren Rekordpreise, sondern die Globalisierung des Geschmacks bestimmt diesen Markt. Auf dem deutschen Regionalmarkt verkauften sich die Expressionisten schwungvoller denn je. Aber man sieht auch, dass die von vielen schon als langweilig empfundene Kunst der europäischen Vergangenheit billiger wird. Ein Raffael (18 Millionen Pfund bei Christie’s) kann mit einem Warhol nicht mithalten. Für chinesische Zeitgenossen wird mehr gezahlt als für Meisterwerke der italienischen Hochrenaissance.

Es reüssiert nur noch das Aufregende und Exzeptionelle, das einen Platz im neuen Weltmuseum der Hyperkunst verdient. Für das Gute und Ordentliche trocknet die Nachfrage aus. Fernab vom Rummel versteigerte Christie’s im Dezember eine superbe Sammlung Meißner Porzellan: Eine kleine Commedia-Figur des „grüßenden Harlekin“ verzehnfachte die Taxe auf 468 000 Pfund (650 000 Euro). Aber das nächste Los, ein gleich alter Harlekin mit etwas angeschlagenem Hut, war für 1000 Pfund zu erwerben. Bei den Antiken, wo die Mehrheit der meist kleinformatigen Objekte unter 5000 Dollar zu haben ist, bezahlte ein Engländer für die zehn Zentimeter hohe „Guennol Löwin“ aus Mesopotamien 57 Millionen Dollar – die 5000 Jahre alte Löwin ist jetzt die teuerste Skulptur der Welt.

Kommt 2008 das 200-Millionen-Dollar Bild oder der Markteinbruch? Wird der Markt in die Kluft stürzen, die sich zwischen dem Besten und dem Rest auftut, zwischen der globalen Modekunst und den regionalen Elitemärkten? Sogar die Auktionshäuser flüstern nun leise, dass Kunst nicht endlos teurer werden kann. Irgendwann ist die Preisspitze erreicht. Niemand weiß, wie es dann weitergeht und wohin sich die Sammler wenden, wenn Warhols und Bacons wieder billiger werden.

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