Kultur : Ein Jahr Spendenaffäre: Unerreichbar für Freund und Feind

Holger Stark

Fast eine Stunde lang hat er das Schweigen durchgehalten. Mal hat Helmut Kohl ein kurzes "Bitte" gemurmelt, wenn sich der Nächste in der Schlange für das Autogramm bedankt hat, mal "Danke", wenn ihm jemand alles Gute gewünscht hat. Ansonsten: Schweigen. Monolithisch sitzt Kohl hinter einem Bürotisch, distanziert, fast schon entrückt, mit unbewegtem Gesicht. Bringt ihm ein Buchkäufer viele Worte entgegen, gibt Kohl ein feinsinniges Lächeln zurück, senkt dann den Kopf und signiert weiter. Sein Tagebuch, das seit Montag in den Buchläden liegt, versieht der Altkanzler mit seinen Initialien und dem Datum. Keine Widmung. Kein Gespräch. Kein Interview.

Helmut Kohl hat sich vorgenommen, an diesem Donnerstag in Peter Dussmanns Berliner Kulturkaufhaus unantastbar zu sein, unerreichbar für Freund und Feind gleichermaßen. Das geht gut, bis um 15 Uhr 40 ein junger Mann in der Schlange steht und Helmut Kohl einen Windbeutel auf das Jacket schmeisst. Der Windbeutelwerfer wird in sekundenschnelle überwältigt, aber da ist es schon passiert: Helmut Kohls Wand des Schweigens ist durchbrochen. Das Jacket ist besudelt von gelbem Teig und Pudding, auch die Stirn hat einige Spritzer abbekommen. Die Fotografen drücken auf ihre Auslöser, grell blendet das Scheinwerferlicht der Kamerateams und Helmut Kohl reißt den Arm schützend hoch: "Jetzt ist aber gut", stößt er hervor, "das reicht wirklich!" Drei Sicherheitsbeamte stellen sich vor den Altkanzler und schirmen ihn mit ihren ausgebreiteten Jackets ab. Eine Mitarbeiterin des Verlags, in dem Kohls "Mein Tagebuch 1998-2000" erschienen ist, bringt ein Handtuch und einen mit Wasser gefüllten Aschenbecher. Während sie Kohl die Stirn feucht abtupft, zischt der kaum hörbar: "Der Pöbel ist wirklich überall". Wie damals im Wahlkampf in Halle, als der CDU-Kanzler schon einmal mit Eiern beworfen wurde.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Kohl kam fast eine Stunde zu früh in die Friedrichstraße und selbst da war die Schlange schon so lang wie in den Kaufhäusern zum Winterschlussverkauf. Helmut Kohl sei "der Harry Potter der Politk", sagt Dussmanns Sprecher Thomas Greiner gut gelaunt. Es ist die einzige Signierstunden in Deutschland am Jahrestag des Spendeskandals. 2000 Tagebücher hat das Kaufhaus bestellt, etwa 500 sollen alleine an diesem Tag verkauft werden. "Das Buch ist schon jetzt die erfolgreichste Politikerbiographie des Jahres", sagt Greiner. Damit verdrängt Kohl alte Bekannte auf die Plätze: Angela Merkel und Wolfgang Schäuble. Ein später Sieg des langjährigen CDU-Chefs, der Merkel und Schäuble ihr Verhalten in der Spendenaffäre nie verziehen hat.

Kohls Ausstrahlung ist noch immer groß, trotz Schwarzgelds und Gesetzesbruchs. Eine Reporterin einer Berliner Regionalzeitung bittet verschämt um ein Sonderautogramm. Andere sind eigens angereist. Wie Michael Heberling, der wie Kohl aus der Nähe von Ludwigshafen stammt. Heberling, 46, übernachtet im Hotel und hat zwei Bücher gekauft. Eins für sich "und eins für die Frau Mutter". "Machen Sie weiter so", hat er dem Kanzler noch zugeraunt. "Für unsere Menschen, für Deutschland, Europa und die Welt." Kohl lächelt - und signiert.

Manche sehen seine Rolle durch die Spendenaffäre relativiert. Andere, wie Peter Hinke aus Neukölln, hoffen darauf, "dass ein signiertes Buch später mal mehr wert ist". Was die Menschen eint, ist die Neugier: wie der Altkanzler so ist. Und was er so schreibt.

Nachdem sich die Situation ein paar Minuten nach dem Windbeutelwurf wieder beruhigt hat, sagt Helmut Kohl kurz: "So, jetzt machen wir weiter." Und ohne Jacket, aber mit rotem Kopf setzt der Buchautor seine Signierstunde fort, als hätte es keine Spendenaffäre und keinen Windbeutelwurf je gegeben. "Kittel aus und weiter", sagt Peter Dussmann bewundernd. "Das ist klasse reagiert." Später, als die Schlange verschwunden und einen Moment lang Ruhe ist, geht Peter Dussmann zu ihm hin und entschuldigt sich als Gastgeber. Keine Ursache, antwortet Kohl. "Das Schlimme ist eigentlich nur, dass ich den Mann nicht mehr persönlich erwischt habe."

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