Kultur : Ein Jahrhundert geht zu Ende, doch die Leichenberge bleiben

MARION AMMICHT

Keiner weiß, woher sie kommen, wer sie in diesen von blauen, deckenhohen Pritschenregalen umstellten Lagerraum mit den tiefhängenden Lampenbatallionen gesperrt hat.Geboren aus dem Stöhnen und Raunzen sich windender Körper, vermessen, verräumen, beackern sie mit industrieller Betriebsamkeit, was ihnen zwischen die Finger gerät: vornehmlich Uniformen, aber auch Menschen werden da gewogen, durchnumeriert und auf Stapel verteilt.Vier Schauspieler, vier Tänzerinnen und vier Musiker sind am Werk: lieben, foltern, umgarnen und bekriegen sich.Ein weißer, spargeldürrer General mit langen ausgefransten, grauen Haaren und sein zwergenwüchsiger Knecht geben die Losung vor: Durchhalten! Ein Jahrhundert ist am Ende, doch der Kampf muß weitergehen.

"The fin comes a little bit earlier this siecle (But business as usual)" heißt die aktuelle Produktion des flämischen Malers, Dramatikers, Ausstatters, Regisseurs und Choreographen Jan Fabre, die derzeit im Berliner Hebbel-Theater gastiert: ein überbordendes, assoziativ schillerndes Stück Tanztheater, in dem sich der Avantgardekünstler aus aktuellem Anlaß zusammen mit seinem Ensemble auf die Suche nach der zerlebten Zeit des ausgehenden Jahrhunderts, den Déjà-vus eines ganzen Jahrtausends begeben hat.Gefunden hat er Menschen, kopflos verzweifelt, geklammert ans stupide ordnende Alltagsgeschäft; eingesperrt in einer dunklen Lagerhöhle, die zur Hölle wird; gefangen in ihren eigenen ritualisierten, pathologischen Bewegungsabläufen; hierarchisiert durch ein erbarmungslos festgezurrtes Sozialgefüge, aus dem es wie aus Fabres Bühnenarchiv kein Entrinnen gibt.Fundstücke eines sinnentleerten evolutionären Prozesses, der sich gegen sich selbst verkehrt.

Alles eine Frage der Ehre, auf die es keine Antwort gibt: Das dröhnende Heldenplädoyer eines alten, chauvinistischen amerikanischen Generals aus dem Zweiten Weltkrieg, das immer wieder zur Schlacht aufruft, ist der einzig zusammenhängende Text der Inszenierung, der von dem Schauspieler Jan Decorte gesprochen wird.Doch Decortes General ist selbst ein mühsam aufrechterhaltenes Wrack.Immer wieder raucht, steppt und trommelt er sich Mut an und ist in der Enge von Fabres Asservatenkammer nur der Platzhalter an der obersten Stelle eines Systems, das sich in unergründlicher Zwanghaftigkeit selbst reproduziert.Die Uniform wird dabei zur Metapher für die Uniformität, die das Individuelle um so deutlicher hervortreten läßt: Die erbärmliche Jagd nach Zuneigung der großartig verzweifelt-tumben Els Deceukelier, die neurotischen Machtspiele der faszinierend bizarr überspannten Sigrid Vinks, das kindlich naive Machogebaren von Jurgen Verheyen, der mit seinem kleinwüchsigen Körper artistische und künstlerische Höchstleistungen vollbringt.Abrupt abgebrochene, immer wieder von neuem eingestreute Einzelgeschichten sind das, die die Schauspieler da mit ihren repetitiven, verzerrten Gesten erzählen.Es sind die Tänzer, allen voran Riina Saastamoinen, die die dabei systematisch ausgeschiedenen Gefühle zu emotionalen Höhepunkten kristallisieren.

Das Jahrhundert geht zur Neige, doch die Uniform- und Leichenberge bleiben."Ich denke, wir kommen immer wieder, um das zu lernen, was wir lernen müssen", sagt der General.Genaueres weiß man nicht.Darum "business as usual", weil der Kampf noch lange nicht zu Ende ist.

Wieder am 4.und 5.Juni, 20 Uhr.

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