Kultur : Ein Jahrhundertgeschenk für die Stadt

Kulturstaatssekretär André Schmitz über die Opernfrage, das Humboldt-Forum – und die Arbeitsteilung mit Klaus Wowereit

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Herr Schmitz, Klaus Wowereit zufolge wird die Sanierung der Staatsoper noch teurer als die veranschlagten 130 Millionen Euro. Wie viel mehr ist es denn?

Wir haben noch keine definitiven Zahlen. Die abschließende Untersuchung der Stadtentwicklungsverwaltung soll im April vorliegen. Die 130 Millionen waren ja nur eine erste grobe Schätzung, jetzt ist man in die Keller gestiegen, um zum Beispiel zu sehen, wie groß die Umweltschäden tatsächlich sind.

Bereitet Ihnen das schlaflose Nächte? Schon beim bisherigen Berliner Sanierungsanteil in Höhe von 50 Millionen Euro weiß keiner, wo das Geld herkommen soll.

Der politische Wille zum Erhalt der drei Opernhäuser ist da. Die neue Deutlichkeit der politischen Aussage „Keine Oper wird geschlossen“ lässt mich etwas ruhiger schlafen. Ich bin sicher, dass es im Rahmen des Gesamtpakets Opernstiftung auch auf die Frage der Staatsopernsanierung eine Antwort geben wird.

Sie sind jetzt hundert Tage im Amt.

Ich finde unseren Start nicht schlecht. Wir haben mit Ulrich Khuon als künftigem Intendanten des Deutschen Theaters eine gute Personalentscheidung getroffen. Der Abschied von Michael Schindhelm und die Neubestellung von Stefan Rosinski als Generaldirektor der Opernstiftung ging sehr professionell über die Bühne. Auch über den Ankauf des Erweiterungsgeländes für das Technikmuseum bin ich froh.

Wie funktioniert denn die Arbeitsteilung mit dem Regierenden Kultursenator?

Wir betreiben learning by doing. Inzwischen hat sich die Unkerei gelegt, dass Klaus Wowereit zu Premieren geht, während ich in den Gremien sitze. Alice Ströver von den Grünen staunt immer noch, dass Wowereit persönlich zum Kulturausschuss kommt. Und vor den Anmeldungen für den Doppelhaushalt 2008/09 treffen wir uns zu langen Sitzungen.

Ist Wowereit der Mann fürs Grobe, und Sie sorgen für den Feinschliff?

Nein, er kümmert sich auch um die Details. Der Nachteil im Vergleich zu vorher ist vielleicht, dass früher hier in der Brunnenstraße ein Senator und ein Staatssekretär saßen. Für mich fällt also mehr Arbeit an. Der Vorteil ist, dass Entscheidungen schneller getroffen und mit dem politischen Gewicht des Regierenden auch schneller in die Tat umgesetzt werden können. Etwa beim Entschluss, die Deutsche Oper nicht als Semi-Stagione-Betrieb zu führen, da sich herausstellte, dass das Einsparpotenzial zu optimistisch berechnet war. Also bleiben wir lieber beim bewährten Repertoire-Prinzip. Was nichts daran ändert, dass wir ab 2009 ein strukturelles Defizit haben.

Jährlich 6,5 oder 6,8 Millionen Euro – ist es diese Summe, über die Sie mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann verhandeln?

Auch die Opernstiftungszahlen sind noch nicht endgültig klar. Ich werde jetzt an jeweils einem halben Tag die Zahlen der einzelnen Häuser gemeinsam mit deren Finanzleuten durchforsten, von den Ticketeinnahmen bis zur Stromausgabe. Wir brauchen endlich verlässliche Zahlen, auf denen wir unsere Entscheidungen aufbauen können – unabhängig davon, ob und in welcher Höhe sich der Bund engagiert.

Wie oft sprechen Sie denn mit dem Kulturstaatsminister?

Relativ häufig. Ich wiederhole hier gerne meinen Dank an den Bund. Denn wir nehmen viel zu selbstverständlich hin, dass die Hälfte von dessen Kulturetat in die Berliner Kultur fließt. Wenn wir jetzt in diskreten Verhandlungen erreichen, dass der Bund sich entweder durch Beteiligung an der Opernstiftung oder durch Übernahme der Staatsoper noch bei einer weiteren Berliner Kultureinrichtung engagiert, ist das in meinen Augen gewiss die letzte zusätzliche Investition des Bundes in die Berliner Kultur. Alle anderen Institutionen muss das Land ein für alle Mal aus eigener Kraft stemmen, wenn es noch eigenständige Kulturpolitik machen will.

Wie laufen solche Verhandlungen? Lieber Bund, können wir bitte folgende Optionen diskutieren: Übernahme des Opernstiftungsdefizits oder der Staatsoper, wenn Berlin die Sanierung komplett finanziert?

Solche Verhandlungen laufen, wenn sie Erfolg haben sollen, vor allem nicht über die Medien. Aber so viel kann ich sagen: Ich werbe nicht nur bei Herrn Neumann und Kulturpolitikern, sondern auch bei Finanzpolitikern und Haushältern für die Berliner Opern, wobei natürlich das Atmosphärische eine wichtige Rolle spielt. Ich verstehe auch das Problem: In Deutschland hat der Bund noch nie ein Opernhaus betrieben, das bedeutet einen gewaltigen Sprung über den Schatten.

Und wenn der Bund doch Nein sagt?

Wird in Berlin keine Oper geschlossen. Aber ohne Folgen für die drei Häuser bliebe ein solches Nein auch nicht. Wir sind mitten in einem laufenden Prozess und rechnen verschiedene Varianten durch. Dass die Häuser 2006 einen Überschuss von 4,5 Millionen Euro erwirtschaftet haben, löst das Finanzproblem zwar nicht, verschafft uns aber etwas Luft bis Ende 2008.

Wobei es 2006 weniger Vorstellungen gab und weniger Besucher: Bis zu welchem Niveau kann man die Opern heruntersparen?

Das ist die Crux. Der Regierende sagt, hart, aber deutlich: Drei Opern können wir uns leisten, aber unter den jetzigen Finanzbedingungen riskieren wir, dass sie international nicht mehr konkurrenzfähig sind. Unser kulturpolitischer Auftrag lautet: Ihr müsst qualitativ konkurrenzfähig sein, es muss eine Mindestanzahl von Vorstellungen und Besuchern geben. Daran muss in den Häusern noch gearbeitet werden. Unsere Aufgabe ist es, die Mittel dafür zur Verfügung zu stellen. Ich kann ein Opernhaus nicht mit 20 Millionen Euro abspeisen und verlangen, dass es so gut ist wie die Münchner Staatsoper.

Ihre Vision von Berlins Opernlandschaft?

Dass die Komische Oper sich weiter als Ort fürs Deutschsprachige und für das innovative Regietheater profiliert und dass die Staatsoper und die Deutsche Oper auf hohem Niveau um ihr Publikum konkurrieren. Was das Finanzielle betrifft, bin ich optimistisch: Wir finden für die Opernstiftung eine gute Lösung in diesem Jahr.

Welche anderen Wünsche werden Sie im Doppelhaushalt 2008/09 anmelden?

Der Kulturhaushalt ist angespannt, es gibt kaum Spielraum für neue Akzente. Auch nicht für die dringende Unterstützung des ein oder anderen guten Theaters. Über Deutschland hinaus wird Berlin aber vor allem wegen der bildenden Kunst wahrgenommen. Da spielen wir in der Liga der weltweit wichtigsten Metropolen mit, als hippe Stadt mit billigen Mieten und einer lebendigen Kunst- und Galerieszene. Deshalb ist es spannend, den alten Traum von der Berliner Kunsthalle wieder aufzunehmen.

Sie meinen die temporäre Kunsthalle auf dem Schloßplatz?

Nein, ich meine eine dauerhafte Kunsthalle, deren Realisierung ich anschieben möchte. Wir stehen am Anfang: Nutzt man ein vorhandenes Gebäude, oder soll es ein Neubau sein? Dockt man die Kunsthalle an eine kompetente Institution an? Den Standort stelle ich mir zentral vor. Aber auch die „Wolke“ als temporäre Kunsthalle hat als Zwischennutzung für den Schloßplatz meine Unterstützung – unter der Prämisse, dass die Initiatoren ihre Ankündigung wahrmachen, Berlin dieses Provisorium schenken zu wollen.

Stichwort Schloßplatz: Sie wollen für das Humboldt-Forum eine Aufbruchstimmung erzeugen, wie Sie im Tagesspiegel geschrieben haben. Wieder: Werben mit Worten?

Stimmung machen ist nicht das schlechteste Mittel der Politik. Diese grandiose Vision, in einer globalisierten Welt die außereuropäischen Sammlungen im Humboldt-Forum zu konzentrieren, ist mir eine Herzensangelegenheit. Die Berliner haben noch nicht begriffen, welch großartiges, mehrheitlich vom Bund bezahltes Jahrhundertgeschenk uns da für die Mitte der Stadt gemacht wird: Das wird ein Komplex, ein grand projet, das sich mit Paris oder New York messen kann. Leider tendieren Politiker dazu, nicht über die eigene Amtszeit hinaus zu denken. Hätten unsere Vorväter auch so gedacht, gäbe es keine Museumsinsel.

Kürzlich sagten Sie, die Frage der kulturellen Bildung sei wichtiger als alle Opernprobleme zusammen.

Die kulturelle Bildung ist ein klarer Auftrag der Koalitionsvereinbarung, von dem auch ich zutiefst überzeugt bin. Viele Jugendliche haben heute kaum noch Zugang zur Kultur, was nicht nur am Elternhaus liegt. In den Schulen bricht der Musikunterricht weg, in den Bezirken sind die Musikschulen kaputtgespart worden, es muss dringend etwas passieren.

Sind das nicht doch Kleinigkeiten im Vergleich zum Opernproblem?

Nein, wenn Sie mich nach Visionen fragen, nenne ich eher das offene Feld der Bildung, auch der interkulturellen Bildung. Es kann doch nicht sein, dass wir 500 000 Berlinerinnen und Berliner mit einem anderen kulturellen Hintergrund nur als Problem dargestellt bekommen und nicht auch als Reichtum und Chance begreifen. Auch da sollten wir die vorhandenen Aktivitäten konzentrieren und koordinieren. Ich hoffe, in meinen fünf Jahren als Kulturstaatssekretär einen Beitrag für die Kultur der nächsten Generation leisten zu können. Kulturpolitik kann mit dafür Sorge tragen, dass es hier nicht zu Auseinandersetzungen wie in den Pariser Banlieues kommt und dass Berlin eine weltoffene und tolerante Stadt bleibt.

– Das Gespräch führte Christiane Peitz.

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