Kultur : Ein jugoslawischer Film von Ljubisa Samardzic

Christiane Peitz

Trümmer, so weit das Auge reicht. Ausgebrannte Autowracks, leere Fensterhöhlen, eine zerstörte Fabrik. Und ein kaputter Basketballkorb. Der kleine Jorvan spricht nicht mehr, seit jede Nacht die Bomben fallen. Aber er spielt gerne Basketball und wirft ihn zwischen den Trümmern in den kaputten Korb, den Papa Kaja ihm aufmunternd hochhält. So ist das im Krieg. Man kann nicht mal mehr richtig Ball spielen.

Nichts gegen einen Film, der erzählt, wie der Kosovo-Krieg bei den einfachen Leuten in Belgrad ankommt. Bei Kaja (Nebojsa Glogovac, die slawische Version von Thomas Heinze) und seiner Ex-Freundin Tijana (Ana Sofrenovic, ein Model vor Ruinen-Ästhetik), die nach Italien ausreisen will. Papamamakind unter Beschuss, getrennt zwar, aber in Sorge um den traumatisierten Jungen vereint. Und dann sind da noch Toza, der Marlboro-Mann, Zuba, der Zyniker, der hübsche Schmetterlings-Tattoos macht und Turca, der Flüchtling aus Sarajewo. Machos und Taugenichtse, Großmütter und Überväter: die ganz normale Mietshausmischung.

Aber - und das ist ärgerlich - die Bomben fallen aus heiterem Himmel. Dass dem Nato-Beschuss ein anderer Krieg vorausging, wird in "Nebeska Udica" mit keiner Silbe erwähnt. Und wenn nicht am Ende einer der Jungs doch noch zur Armee eingezogen würde, könnte man glatt vergessen, dass Belgrader Männer im Mai 1999 nicht ausnahmslos mit dem Wiederaufbau eines zerbombten Basketball-Felds beschäftigt waren. Oder wahlweise mit dem Herumlungern zwischen Unkraut und Schrott.

Die Bilder? Kunstlos. Aber es ist eine Kunstlosigkeit, die sich mittels slowmotion unentwegt als Garantie fürs Authentische ausstellt. Schnitt und Gegenschnitt, Gesichter in Nahaufnahme, dazu die totale Verwüstung - immer nüchtern, immer dokumentarisch. Nur einmal, als die Jungs sich auf dem in Teamwork zusammengezimmerten Sportfeld ein erstes Match liefern, vergisst sich die Kamera und beginnt, mit den Spielern zu tanzen. Und nur hier wird der Film einen Moment lang wahrhaftig, indem er die Selbstvergessenheit zeigt, die der Mensch braucht, wenn er sich mitten im Ausnahmezustand so etwas wie Normalität bewahren will.

Ansonsten bedient Regisseur Ljubisa Samardzic - unfreiwillig - Ressentiments: Der Serbe zum Beispiel trinkt unentwegt Bier, singt und küsst gerne. Ja, er singt selbst dann, wenn er küsst. Außerdem haben sogar böse Männer - warlords oder Nihilisten - dank der Bomben das Zeug, sich zu guten Menschen zu wandeln. Ein Vater-Sohn-Konflikt löst sich wie von Zauberhand, und die Liebe, die schon tot war, beginnt vor lauter Gefahr, neu zu erblühen. Mit anderen Worten: Krieg tut gut.

Osteuropa-Kenner berichten, dass Samard"zi¿cs Moritat von Kriegsspiel und Ballspiel nicht der einzige brandaktuelle jugoslawische Film ist, der den Kosovo-Krieg aus Belgrader Perspektive reflektiert. Diesen hat die Auswahlkommission in den Wettbewerb aufgenommen - vermutlich deshalb, weil er der beste ist. Wie sehen dann erst die anderen aus?Heute 20 Uhr (International), 23.30 Uhr (Royal Palast)

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