Kultur : Ein Kaffee mit dem Schriftsteller Perikles Monioudis

Sie kommen gerade von einem Arbeitsstipendium im Schloß Solitude zurück. Wie ist es so, wieder in Berlin? Es ist eine neue Phase der Inspiration. Berlin ist für mich Schreib-Stadt. Stuttgart war eben Konzentration, Isolation, Arbeit. Ihr Buch "Deutschlandflug" beschreibt eine fiktive Flugexpedition von Zürich nach Berlin, und Ihre Erzählungen, die im September erscheinen, spielen in Bergamo, New York, Paris, Kairo. . . Welche Bedeutung haben solche Orte für Ihre Arbeit? Ich nehme Orte über ihre Atmosphäre wahr und lasse mich von der Stimmung leiten, die als Textfärbung in meine Arbeit fließt. Aber einen Text, der in Rom geschrieben wurde, muß man auch in Berlin lesen können. "Deutschlandflug" ist untertitelt mit "Ein Traum". Sind Sie ein Träumer? In gewissem Sinne: ja. Ich glaube, daß der Traum letzten Endes viel stärker ist als die Realität. Nach Ihrem Erfolg mit "Eis" wurde "Deutschlandflug" als sprachlich hervorragend, aber inhaltlich schwer faßbar beschrieben. Halten Sie selbst manche Texte für gelungener als andere? Ich finde, innerhalb eines Werks hat jeder Text seinen Platz und seine Berechtigung. Und mit jedem Buch mache ich ja auch etwas anderes. Ich habe keine Lust, immer das gleiche Buch zu schreiben. Sie sind 32 und legen schon das siebte Buch vor. Baut sich da ein Erfolgsdruck auf? Überhaupt nicht. Ich glaube, das passiert nur Leuten, die ein Buch geschrieben haben und fürchten, ob sie je ein zweites fertigbringen. Ich mache das sowieso. Auch wenn es alle verreißen, ich würde auf jeden Fall das nächste Buch schreiben. Und wenn sie das wieder verreißen, würde ich wieder das nächste Buch schreiben. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb wurde jüngst wieder einmal über das mangelnde Niveau der jungen deutschsprachigen Literatur geklagt. Das hat doch nichts miteinander zu tun. Die junge deutschsprachige Literatur, das ist Norbert Gstrein, der schreibt Weltliteratur! Es gibt Ingo Schulze, Joachim Helfer, Katharina Hacker . . . Die Liste könnte ich hier unendlich fortsetzen. Es gibt gute und wichtige Literatur von Leuten, die in den 60ern und 70ern geboren sind, das ist völlig unbezweifelt. In Klagenfurt wird diese Qualität nicht wiedergegeben, allein schon weil der Wettbewerb jährlich stattfindet. Man findet einfach nicht jedes Jahr 16 erstklassige Leute. Ganz anders sieht es aus, wenn man sich zum Beispiel die Bestenlisten des Südwestfunks anschaut: was da allein schon für große Schriftsteller dabei sind. Viele der guten Schriftsteller leben und schreiben hier in Berlin. Hat diese Stadt etwas Stimulierendes? Vermutlich schon. Es ist eben die einzige wirkliche Großstadt im deutschsprachigen Raum, mit Ausnahme Wiens vielleicht. Man braucht jetzt nicht mehr nach New York oder Paris zu gehen, man kann auch nach Berlin kommen. Wird es bald einen Berlin-Roman von Monioudis geben? Der Roman, den ich gerade beendet habe, spielt in Berlin. Ob man ihn deshalb einen Berlin-Roman nennen sollte - ich weiß nicht. Die DDR zum Beispiel kommt darin überhaupt nicht vor.

Perikles Monioudis liest morgen um 20 Uhr im Literaturforum (Brechthaus, Chausseestr. 125). Das Gespräch führte Sonja Bonin.

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