Kultur : Ein kanadisches Ende ...samt Weltuntergang

Susanna Nieder

Wenn im Kino der Weltuntergang droht, ist gewöhnlich irgend ein Superman unterwegs, um das Unheil abzuwenden. Der Kanadier Don McKellar zäumt das Pferd anders auf. Die Menschen in "Last Night" wehren sich gegen das Ende ebenso wenig, wie sie gegen Silvester protestieren würden. Im Mittelpunkt steht einzig die Frage, was man täte, wenn in sechs Stunden die Welt unterginge. Beten? Mit der ehemaligen Französischlehrerin ins Bett gehen? Marodierend durch die Straßen ziehen?

McKellar, Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller, ist offensichtlich gut in die kanadische Filmszene eingebunden: David Cronenberg, Sarah Polley, Geneviève Bujold und Arsinée Khanjian, die Frau von Atom Egoyan, in dessen "Exotica" McKellar mitspielte, treten in kleineren Rollen auf. "Last ght" gehört zu den Filmen, die ihr Potenzial ganz allmählich entfalten. Zunächst scheinen die Personen und ihr Verhalten beliebig. Da ist eine Frau, die quer durch die Stadt will, um die letzten Stunden mit ihrem Mann zu verbringen. Ein Mann, der eine Frau nach der anderen in sein Schlafzimmer führt. Eine Familie, die noch einmal zusammen Truthahn isst, ein Konzertpianist, der sein Debut gibt, ein Mann, der den letzten Abend alleine verbringen möchte. Alles sind zumindest flüchtig miteinander verbunden, und je enger sie miteinander in Beziehung treten, desto folgerichtiger wirkt ihr Verhalten. Während draußen ein dumpfer Mob randaliert, findet drinnen ein letztes Mal statt: Liebe. Innere Einkehr. Sex. Kunst. Als am Ende die Lichter zu Pete Seegers Version von "Guantanamera" ausgehen, ist man den Tränen nah. Es gibt nichts zu bereuen. Die Welt mit ihren unmöglichen Menschen und unerträglichen Schicksalsschlägen war wunderschön.Im fsk am Oranienplatz (OmU)

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