Kultur : Ein Kandidat namens Gott

Demokratie-Parabel aus Iran: Babak Payamis „Geheime Wahl“

Christina Tilmann

Der Mann mit dem Lastwagen hat gleich dreißig Frauen mitgebracht, die wählen sollen. Problem nur: Da sie nicht lesen und schreiben können, will er die Stimmen für sie abgeben. Denn: „Ihre Männer haben sie mir anvertraut, deshalb entscheide ich.“ Alle Appelle der Wahlhelferin, dass jeder selbstständig und eigenverantwortlich wählen soll, scheitern an der patriarchalischen Einstellung des Patrons – und an der offensichtlichen Verängstigung der tief verschleierten Frauen. Eine andere Gruppe von Hirten, die einen Tagesmarsch weit zur Wahl gewandert sind, verzweifelt daran, dass sie keinen einzigen Kandidaten auf der Liste kennt. „Wen sollen wir denn wählen, wenn wir keinen kennen?“ Die schönste Entschuldigung jedoch hat ein alter Mann, der eine Solaranlage bewacht: „Demokratie und Freiheit? Wir sind alle in Gottes Hand.“ – „Trotzdem müssen Sie sich für einen Kandidaten entscheiden.“ – „Mein Kandidat ist Gott.“

Demokratie auf einer abgelegenen Insel im Persischen Golf ist keine Selbstverständlichkeit. Die Schmuggler, die Fischer, die Bauern und Hirten, oft Analphabeten oder Flüchtlinge ohne Pass, haben mit freien Wahlen nicht viel am Hut – erst recht nicht, wenn die Wahlleiterin von einem Soldat mit Gewehr begleitet wird. Der iranische Filmregisseur Babak Payami hat in seinem schon in Venedig 2001 gefeierten Film „Geheime Wahl“ viel Sinn für die Absurditäten, die solche Situationen mit sich bringen – und er erzählt sie mit einem lakonischen Unterton, der die Lächerlichkeit der Lage offenbart, ohne den Ernst des Anliegens darüber zu vergessen. Sein Film ist eine Komödie. Die Pointen schreibt die Wirklichkeit.

Die Geschichte einer rückständigen Region, die mit den Erfordernissen der Moderne konfrontiert wird, könnte so an vielen Orten spielen: in Afrika, Lateinamerika oder Asien. Payami fügt ihr eine für islamische Gesellschaften besondere Brisanz hinzu, indem er mit der Wahlhelferin eine selbstbewusste Frau in den Mittelpunkt stellt, die einen Männerjob ausführt. Nicht nur dem Soldaten, der sie begleiten soll, fällt es schwer, sie zu akzeptieren. Die Laienschauspielerin Nassim Abdi, eine Journalistik-Studentin aus Teheran, geht selbstbewusst bis sturköpfig durch den Film. Der energische Griff, mit dem sie ihren schwarzen Umhang um sich zieht, zeigt, dass sie ihn am liebsten ganz abgeworfen hätte. Immerhin: Den widerwilligen Soldaten (Cyrus Abidi) hat sie am Ende vom Sinn ihrer Mission überzeugt – auch wenn die Schlüsse, die er daraus zieht, recht naheliegend sind. Ganz offensichtlich hat er Gefallen an der selbstbewussten Begleiterin gefunden. „Wann sind die nächsten Wahlen?“ fragt er auf der Rückfahrt. „In vier Jahren“ ist die Antwort. „Können sie nicht lieber viermal im Jahr sein?“

In Berlin in den Kinos Filmbühne am Steinplatz und fsk (beide OmU)

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