Kultur : Ein Kanonschreiber

Gespräche mit dem Schweizer Galeristen Ernst Beyeler

Daniel Völzke

Kunsthändler sollten ein anderes Verhältnis zu ihren Waren haben als etwa Börsenhändler zu den ihren. Bei der derzeitigen Kunstmarkt-Hausse mag man das leicht vergessen. Gut also, wenn Galeristen über ihre Rolle im Kunstbetrieb sprechen. Ein jetzt auf Deutsch erschienenes Buch mit Interviews, die der französische Journalist Christophe Mory mit dem renommierten Baseler Galeristen Ernst Beyeler führte, gibt Auskunft darüber, wie sich der interessierte Laie Beyeler zum Kenner entwickelte, wie vom Kunsthändler zum Kunstsammler.

Der 84-jährige Beyeler berichtet davon, wie er jung ein Antiquariat in Basel übernahm und es zur Galerie umbaute. Er erzählt von gewagten Ausstellungskonzepten, exzentrischen Sammlern und mutigen Museumsdirektoren. Ein erster Coup gelang dem Schweizer, als er Ende der 50er Jahre dem amerikanischen Sammler David Thompson nach nervtötenden Verhandlungen hunderte Kunstwerke abkaufte und damit den Grundstein für die Ausrichtung der Galerie legte: klassische Moderne mit Konzentration auf Kubismus und abstrakte Malerei.

Weitere Stationen der Reise in das Herz des Kunstbetriebs, von denen der Kunsthändler anekdotenreich und mit ausgesuchter Bescheidenheit plaudert, waren die Gründungen der Kunstmesse Art Basel und der eigenen Stiftungen und 1997, als vorläufig krönender Abschluss, die Eröffnung der von Renzo Piano entworfenen Fondation Beyeler in Riehen, einem Vorort Basels. Und doch kommt Beyeler, unruhiger Geist, der er ist, zum Schluss: „Manchmal bedaure ich, nicht etwas Größeres geschaffen zu haben.“

Beyelers Ruf als bedächtiger Kunsthändler wurde vor einigen Jahren allerdings in Frage gestellt: Der Sohn der ehemaligen Besitzerin des Kandinsky-Gemäldes „Improvisation 10“ warf Beyeler vor, 1951 beim Kauf des Bildes gewusst zu haben, dass es sich um Raubkunst handelt. Beyeler widersprach und stellt gleich zu Beginn des Buches nochmals die Situation aus seiner Sicht dar. Ebenso kommentiert er Meldungen zur finanziellen Lage des Museums und berichtet, dass es der Berner Industrielle Hansjörg Wyss zukünftig unterstützen will.

Am interessantesten sind die Gespräche immer dann, wenn sie um weniger tagesaktuelle Themen kreisen: Wie sieht der Alltag eines Galeristen aus? Ist es nicht moralisch fragwürdig, mit soviel Geld zu hantieren? Wie reden Künstler mit Händlern? Welchen Anteil kann der persönliche Geschmack eines Geschäftsmanns an Kanonbildung und Kunstgeschichte haben? Das Buch gibt auf einige dieser Fragen aufschlussreiche Antworten.

— Ernst Beyeler:

Leidenschaftlich für die Kunst. Gespräche mit Christophe Mory. Scheidegger & Spiess, Zürich, 2005, 160 Seiten, 25 Euro

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