Kultur : Ein Kerl aus jenen Tagen

Günther Grack

"Einklang der Seelen" hat Carl Raddatz jüngst genannt, was ihn in seinem Schauspielerleben mit Carl Zuckmayer ein halbes Jahrhundert lang verbunden hat. 1953, im Deutschen Theater Göttingen unter Heinz Hilperts Intendanz, kam diese Seelenverwandtschaft mit dem Dichter erstmals zum Ausdruck: Raddatz war in "Ulla Winblad oder Musik und Leben des Carl Michael Bellman", einem historischen Bilderbogen aus dem Schweden des 18. Jahrhunderts, der fahrende Sänger. Dass seine Liebe zu der Schankmaid, aus der eine Baronin wird, zum Scheitern verurteilt ist, weiß Bellman von Anfang an: "Es gibt: das ruhlose Herz, das ist das Meer, der Wind, die Freiheit. Oder: die Küste, den Anker, die Sicherheit. Beides ist Verzicht."

Ein melancholischer Grundton aus unsentimentaler Einsicht in die Verhältnisse: Raddatz lässt schon hier aufklingen, was er auch später, in Berlin, den beiden bis heute bekanntesten Helden seines Lieblingsautors mitgegeben hat: Voigt, dem "Hauptmann von Köpenick", 1964 unter Boleslaw Barlogs Regie, und Harras, "Des Teufels General", 1967 abermals unter Hilpert. Wiederum drei Jahre später verwandelte sich das Schiller-Theater vollends zum Zuckmayer-Theater, als dort auf Wunsch des Schauspielers ein dann doch arg sentimentales Zirkus-Spektakel ins Repertoire genommen wurde, "Katharina Knie", mit Raddatz als einem autoritären Zirkusdirektor, der sich selbstgerecht für einen guten Vater hält.

Das Berliner Publikum freilich hat dem markant maskulinen Charakterdarsteller vom Typus der ehrlichen Haut diesen Ausrutscher nicht übel genommen, hatte es ihn doch schon vorher schätzen gelernt. Am 13. März 1912 in Mannheim geboren, hatte Raddatz, nach Abitur und Schauspielunterricht bei Willy Birgel, 1931 in seiner Heimatstadt debütiert und anschließend in Aachen, Darmstadt und Bremen Bühnenerfahrungen gesammelt, bis er 1937 bei der Berliner Ufa mit "Urlaub auf Ehrenwort" eine Filmkarriere begann. Nach Veit-Harlan-Streifen wie "Immensee" und "Opfergang", auf der Höhe der Kriegsjahre an der Seite Kristina Söderbaums gedreht, fand er 1944 in Helmut Käutner einen Regisseur, der mit ihm, Gustav Knuth und Hannelore Schroth eine schlichte Dreiecksgeschichte aus dem Milieu der Binnenschifffahrt erzählte, "Unter den Brücken", eine stille Abkehr von aller vorausgegangenen politischen Tendenz.

Ein privater Protest, der Raddatz legitimierte, seine Filmlaufbahn nach dem Krieg fortzusetzen: "In jenen Tagen", 1947 ebenfalls unter Käutner, zeigte ihn als Kradmelder, der gegen Kriegsende ein Flüchtlingsmädchen mit Kind in Sicherheit bringt, sich selbst aber als Deserteur in Lebensgefahr.

Im selben Jahr 1975, in dem sich Raddatz mit Alfred Vohrers Fallada-Verfilmung "Jeder stirbt für sich allein" von der Kinoleinwand verabschiedete, konnte er auf den Bühnenbrettern einen Erfolg außergewöhnlichen Ranges feiern. Er hatte die Ehre, im Schiller-Theater in Samuel Becketts "Warten auf Godot" unter der Regie des gestrengen Autors den Pozzo zu spielen, und er verriet bei aller Barschheit, mit der dieser Herr seinen Knecht Lucky traktiert, gegenüber den auf der Stelle tretenden Landstreichern doch einen Rest an herzlicher Zuneigung zu dem armen Kerl. Ein Regisseur von ebenso peniblem Anspruch wie Beckett war Raddatz zuvor in Fritz Kortner begegnet, der ihn 1962 als Narr in Shakespeares "Was ihr wollt" und 1968 als Meister Anton in Hebbels "Maria Magdalene" einsetzte.

Von Barlog 1958 an die Staatlichen Schauspielbühnen Berlin verpflichtet, auch von dessen Nachfolgern Hans Lietzau und Boy Gobert mit herausragenden Rollen bedacht, musste der keineswegs altersmüde Mittsiebziger 1986 erleben, dass sein allerneuester Intendant, Heribert Sasse, von dem er eben erst als "Stütze des Hauses" begrüßt worden war, ihn per Botenbrief in den Ruhestand schickte - eine Sparmaßnahme, in der Sache verständlich, in der Form eine Kränkung. Der Senat versuchte, Raddatz mit der Verleihung seiner höchsten Auszeichnung, der Ernst-Reuter-Plakette, über das Ärgernis hinweg zu helfen. Heute, an seinem 90. Geburtstag, darf der Wahlberliner sicher sein, dass sein altes Publikum ihn nicht vergessen hat.

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