Kultur : Ein Kessel Blondes

Superstar von nebenan: Gwen Stefanis neues Album „The Sweet Escape“

Gerrit Bartels

Gwen Stefani weiß selbst am besten, wer sie ist und was sie sein will. „I’m just an Orange County Girl, livin’ in an extraordinary world“, singt sie auf ihrem zweiten, jetzt veröffentlichten Soloalbum „The Sweet Escape“, und in ihre Danksagungen hat sie es noch einmal reingeschrieben: Ich bin ein gewöhnliches Mädchen aus Orange County, das in einer außergewöhnlichen Welt lebt. Man möchte ihr das gar nicht als Koketterie auslegen, ja, man vergisst auch die futuristisch anmutenden Pünktchenbeats, die ihr die Neptunes um diese Aussage geschneidert haben, und unterschreibt sofort: Genauso ist es, Gwen! Deine Gewöhnlichkeit, deine Natürlichkeit, die hast du dir wirklich bewahrt!

All ihren Imageproduktionen und Rollenspielchen der letzten fünf Jahre zum Trotz, allen Voraussagen zum Trotz, einmal in die Fußstapfen von Madonna treten zu können: Gwen Stefani, die auf dem Frontcover von „The Sweet Escape“ cool- unnahbar mit Sonnenbrille posiert, wirkt noch immer wie das Mädchen mit dem Schottenröckchen, das sich vor zehn Jahren mit der Rockballade „Don’t Speak“ den Frust von der Seele sang, weil es gerade verlassen worden war. Sie und ihre nette Pop-Band No Doubt landeten damit eher zufällig einen Welthit, und Stefani wurde dankbar zum Superstar erkoren. Als blondes, sexy All-American-Girl war sie die ideale Projektionsfläche für tausende Mädchenträume. Nur: Dieses All- American-Girl wollte in Folge nie was anderes sein als blond. Lieber Reihenhaus als Riot Girl war damals Stefanis Devise, selbst wenn sie noch so sehr mit bonbonrosa oder vampschwarzen Outfits herumexperimentierte.

Inzwischen hat sich das girl next door zu einer weißen R & B- und Dance-Stilikone entwickelt, zu einer Modepuppe und Kunstfigur, die mit ihrer Bravheit genauso spielt, wie sie diese nicht wirklich abzulegen im Stande ist. Mit der schwarzen Rapperin Eve begann Stefani sich 2001 für das Stück „Let Me Blow Ya Mind“ in eng sitzenden Trainingshosen und Spitzen-BH als weißes Gegenmodell zu den schlauen Bitch-Inszenierungen ihrer afroamerikanischen Kolleginnen in Szene zu setzen. Auf ihrem Solodebüt „Love. Angel. Music. Baby“ stürzte sie sich dann als „Harajuku Girl“ in die Modewelt der Yamamotos, Westwoods und Gallianos und wurde hier genauso dankbar aufgenommen wie ausgestattet – eine Partnerschaft, die so weit gedieh, dass Stefani inzwischen selbst ihre Modelinien namens L.A.M.B. (siehe Albumtitel) und Harakuji Girls (siehe Songtitel) hat, die demnächst um eine Schmuck- und eine Puppenkollektion bereichert werden.

Es braucht dafür nicht mal Hinweise in einem ihrer Songs, um zu wissen, dass Stefanis neues Album nicht in erster Linie der eigenen Kreativität geschuldet ist, dass hier wieder was raus musste, weil Stefani als Künstlerin gar nicht anders kann. Nein, „The Sweet Escape“ dient viel stärker der Promotion des Stefani-Industrieparks: Der Schlüssel mit dem Doppel-G, der ihr auf dem Cover um den Hals hängt, dürfte zu ihrer Schmuckkollektion gehören und ist bald käuflich zu erwerben. „The Sweet Escape“ steht damit in einer Reihe mit den neuen Alben der Pop-Unternehmer Jay-Z und P. Diddy – es war eben mal wieder Zeit für einen kaufmännischen Synergieeffekt. Und wie die beiden Rap- Stars kann auch Stefani ohne Schwierigkeiten auf Produzenteneinkaufstour gehen und alles verpflichten, was Rang und Namen hat.

„The Sweet Escape“ ist deshalb auch ein typisch schniekes Großproduzenten- Album geworden: Chad Hugo und Pharell Williams haben die meisten Songs produziert; einige stammen von Nellee Hooper, der schon Björk und Massive Attack zu Markenartikeln machte; und auch Ex- Lover Tony Kanal, der No-Doubt-Bassist, der Stefani damals den Liebeskummer bescherte, ist mit von der Partie.

Wie es sich für ein Star-Album dieser Art gehört, fällt hier musikalisch alles schön auseinander: Die windschnittigen Neptunes-Titel erkennt man sofort, die klingen nach Weltraum und Zukunft und totalem Minimalismus, die sind toll in ihren Nicht-vom-Fleck-Wegkommen, und dann gibt es die von Kanal und Hooper produzierten Nummern, die neunzigerjahremäßig vor sich hinpritzeln: „Flourescent“ oder „Don’t Get It Twisted“ sind gut auf No-Doubt-Alben vorstellbar, und geradezu ein an Biederkeit und Rocködnis nicht zu toppendes Corporate- Schreckgespenst ist „Early Winter“, das der Keane-Mann Tim-Rice-Oxley an Piano und Keyboards entscheidend mitprägt.

Gwen Stefani müht sich nach Kräften um Variabilität, sie sprechsingt, rappt, schmachtet, ja, sie jodelt gar in „Wind It Up“ – gerade die Nicht-Neptunes-Stücke aber lassen sie ganz bei sich sein, in denen kommt ihr leicht piepsiges Mädchentimbre perfekt zur Geltung.

Es macht jedoch ihren besonderen Charme aus, dass es nicht mal die Neptunes vermögen, aus ihr eine Missy Elliott, ein crazy girl oder wenigstens eine Beyoncé zu machen – dazu muss man sich nur die restlichen, von der amerikanischen Fotografin Jill Greenberg aufgenommenen Bilder im Booklet anschauen. Da posiert Stefani ohne Sonnenbrille: weinend, sehnsüchtig und lachend. Ihr wahres Ich sieht sie eben im Kleinfamilienglück mit Ehemann Gavin Rosdale und dem sechs Monate alten Söhnchen am besten aufgehoben. Auch dass „The Sweet Escape“ ihr letzter Alleinausflug sein soll und Stefani demnächst zu ihren Buddies von No Doubt zurückkehrt, passt ins Bild. Die Träume können ja trotzdem immer weiter und weiter und weiter gehen, wie sie in „Orange County Girl“ singt – zu Hause ist es doch am schönsten. Und hat da irgendjemand was von harter Arbeit gesagt?

Gwen Stefani, „The Sweet Escape“ ist bei Interscope (Universal) erschienen.

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