Kultur : Ein Kessel Graues

Streit um die Zukunft des Podewil: Heute diskutiert der Berliner Kulturausschuss

Michael Zajonz

Nicht nur die Bundesregierung stolpert von einer Reform zur nächsten. Kaum hat Berlins Kultursenator Thomas Flierl die Opernreform durchgesetzt, kündigt sich mit der Debatte um das Podewil die nächste Baustelle an. Am 28. Januar fanden die Abgeordneten in ihren Postfächern überraschend ein Konzeptpapier der Kulturverwaltung zur Zukunft des Hauses, das im Kulturausschuss Mitte Februar heftig kritisiert wurde. Obwohl nur drei Seiten stark, liest es sich wie das Regelwerk einer kulturfernen Behörde.

Abgeordnete wie die Ausschussvorsitzende Alice Ströver (Die Grünen) oder ihre CDU-Kollegin Monika Grütters sahen sich zudem durch ebenso einsame wie eilige Struktur- und Personalentscheidungen übergangen. Denn Flierl hatte zum 1. Februar die Musik- und Kulturwissenschaftlerin Susanne Binas zur neuen Geschäftsführerin der Berliner Kulturveranstaltungs-GmbH (BKV) berufen – ohne ordentliche Stellenausschreibung. Heute muss der Senator erneut über die seit Jahren geplante Fusion des Podewil-Trägers BKV mit dem Museumspädagogischen Dienst (MD) zu einem „Städtischen Kulturbüro“ berichten. Flierl setzt sich selbst unter Druck: Zum Januar 2005 soll die neue landeseigene GmbH unter der Leitung von Susanne Binas gegründet werden, bis zur Sommerpause will Flierl die Empfehlungen einer Fusionskommission vorstellen.

BKV und MD nutzen das Haus in der Klosterstraße bislang als Verwaltungsadresse. Um die künstlerische Spiel- und Produktionsstätte ist es hingegen still geworden. Das Podewil, 1992 als Nachfolger des Hauses der jungen Talente im barocken Palais Podewils entstanden, befindet sich schon seit Jahren in personeller und finanzieller Bedrängnis. Das weitläufige Haus bietet, in den vergangenen Jahren teilmodernisiert, achtbare Arbeitsbedingungen für Tänzer, Theaterleute und Musiker. Ein Saal für 200 Personen, die Probebühne und ein lichtdurchflutetes Tanzstudio ermöglichen parallele Produktionen. Sechs Apartments warten auf Artists in Residence. Doch der Standort hinter dem Alten Stadthaus profitiert keineswegs vom urbanen Glück im Winkel. Eine Lauf- oder Ausgehmeile ist die Klosterstraße nicht.

Die Programmgestalter leiteten daraus bisher einen Zwang zum Kessel Buntes ab: Neben dem international erfolgreichen Festival „Tanz im August“ und der Tanzreihe „Körperstimmen“ reüssierten Tangosommer und Open-Air-Kino im Innenhof; zu Theater, neuer Musik oder dem hier entwickelten Medienkunstfestival „transmediale“ gesellten sich Kleinkunst und Partygags. Andererseits erhielten Künstler wie René Pollesch und Sasha Waltz früh Auftritts- und Produktionsmöglichkeiten. Diesen Gemischtwarenladen leitete bis Ende 2003 Wilhelm Großmann, seit 1998 in Personalunion als Podewil-Programmdirektor und Chef der BKV.

Die 1991 gegründete BKV sollte nach dem Willen des Senats zugleich Träger des Hauses und Kulturdienstleister des Landes sein. Das misslang: Großmann vermochte keinem der beiden Bereiche Profil zu geben. Dazu gesellten sich Haushaltszwänge: 2002 sollte der Etat von knapp 2,5 Millionen um 715000 Euro gekürzt werden. Nach Protesten fielen „nur“ 215000 Euro weg. Doch schon wieder besteht nur bis zur Jahresmitte Planungssicherheit, dem Programmbetrieb wurden 2004 erneut 80000 Euro entzogen.

Susanne Binas, die neue Hausherrin, kann als Organisatorin und Vermittlerin von Projekten auf eine beeindruckende Laufbahn verweisen. Erfahrungen in der Personal- und Haushaltsführung – bei MD und KBV sind derzeit etwa fünfzig Mitarbeiter angestellt – wird sie nun nachholen müssen. Ob Jochen Boberg, der nach zwanzig Jahren so uncharmant entmachtete Chef des MD, oder Ulrike Becker und André Thériault von der Tanzwerkstatt – sie alle betonen ihre Kooperationsbereitschaft um der Sache willen.

Drei künstlerische Betreiberkonzepte liegen der Kulturverwaltung vor. Aus dem Podewil könnte ein „Zentrum für Choreografie und tanzverwandte Performancekünste“, ein Medien- und Klangkunsthaus unter Einbeziehung der benachbarten Parochialkirche oder ein Festivalort für Neue Musik werden. Doch mit der Konzeptfindung lässt man sich Zeit. Der Aufsichtsrat der BKV, in den Flierl unlängst neue Mitglieder berief, muss sich zu den personellen Konsequenzen bei einer Trennung von Kunst und Management nun endlich erklären. An einer starken Doppelspitze im Podewil scheint der Senator nicht allzu interessiert. Für den gewünschten Laborcharakter, so winkt sein Sprecher Torsten Wöhlert ab, „müsste man nicht notwendigerweise einen eigenen künstlerischen Leiter haben“. Zum Wohle der Kunst, versteht sich.

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