Kultur : Ein Kind fürs Leben

Dogma, die siebente: „Kira“ erzählt von einer verrückten Liebe

Julian Hanich

Sie verkriecht sich in die dunkle Zimmerecke. Oder sie rollt sich in den Vorhang ein wie in einen Kokon. Kira findet nur schwer zurück ins gewöhnliche Leben. Wie Fühler streckt sie ihre Hände aus, um das Gesicht der Leute abzutasten. Kira wurde gerade entlassen: aus einer Psychiatrie.

Sie ist Anfang 30. Mit Mads (Lars Mikkelsen) hatte sie eine glückliche Ehe: erfolgreich, gutbürgerlich, traditionell. Doch dann ist etwas passiert, was nicht hätte passieren dürfen. Seitdem ist Kira leicht derangiert. Peinlich und lustig, wie ihre Söhne sagen. Ein durchgeknalltes Weib, wie die anonyme Umwelt keift. Sie selbst flüstert: „Ich bin nur ein bisschen verrückt.“ Ein Trauma hat Kira erschüttert und in den Wahn getrieben. Mit großen Kinderaugen blickt sie nun auf die Welt – und die überwältigende Darstellerin Stine Stengade erinnert dabei ein wenig an Emily Watson in „Breaking the Waves“.

Kira planscht im Kinderbecken. Sie schleicht sich in die Herrentoilette. Sie streckt den Kopf aus dem Auto und lässt den Fahrtwind übers Gesicht streichen. Die schöne Kira: ein ungezogenes Kind. Unbewusst spielt sie mit den Regeln, die das bürgerliche Leben diktiert. Weil sie sich nicht an diese Normen hält, gilt sie als nicht normal. Die Konfrontationen mit der Durchschnittsgesellschaft sind vielleicht die aufregendsten Szenen des Films, in denen die Schwebe gehalten wird zwischen emotionaler Anspannung und Humor. Und wie in allen Filmen über Außenseiter wird auch in „Kira“ die Frage nach dem Sinn und den Grenzen dieser Gesellschaftsnormen gestellt. Wo platziert man die Deplatzierten? Und wer darf die Toleranzgrenzen ziehen?

„Kira“ ist ein Liebesfilm am Rande des Wahnsinns. „Es ist, als würdest du mich vermissen, auch wenn ich da bin“, sagt Kira zu Mads. Ihre Lebenswege berühren sich selten: Mads schreitet geradlinig voran; die Wege von Kira sind verirrt und verschlungen. Sie stehen nebeneinander und kommen sich doch nicht nahe, getrennt wie durch eine Panzerglasscheibe. Wenn die Liebe weitergehen soll, muss Mads das Glas zerschlagen und hinübersteigen in Kiras Wunderland der Regression. Er muss zum Kind werden, das mit ihr auf Matratzen herumtollt auf der Tanzfläche des teuren Hotels ein Haus aus Mänteln baut, in das sich die beiden verkriechen können vor dem Rest der Welt. „Kira“ fragt, ob eine Liebe zwischen Karriere und Wahn möglich ist – und antwortet darauf romantisch. Ein Märchen, möglicherweise.

Es gibt Tabubrüche. Es gibt eine zerstörte Familie. Es gibt emotionale Exzesse. Und beinahe Zärtlichkeit für die Aussortierten der Gesellschaft. Kein Schelm, wer „Dogma“ dabei denkt! „Kira“ ist der siebente Film, der sich das berühmte Zertifikat an den Anfang heften darf. Aber „Dogma“ war auch einmal ein Affront gegen das „Kino der Illusionen“, egal von woher. Die Unterzeichner hatten die Enthaltsamkeit von „jeglichem guten Geschmack und jeglicher Ästhetik“ gelobt. Doch was macht Madsen?

Nie war ein „Dogma“-Film so gut ausgeleuchtet wie hier. Nie war die Handkamera weniger nervös. Und nie waren die Einstellungen so ästhetisiert. Immer wieder fokussiert Ole Christian Madsen auf Kiras linkes Auge: Einstellungen ohne Aussage, aber mit viel Wille zum Stil. Unter all den dogmatischen Asketen wirkt Madsen wie ein Glaubensbruder, der heimlich Schokoladentorte ins Kloster schmuggelt und sich Parfüm unter die Kutte sprüht. Doch wer „Kira“ sieht, wird dem Sünder die Absolution erteilen.

Eiszeit, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos

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