Kultur : Ein Klavierhocker strandet auf hoher See

Frank Dietschreit

Ein paar Tage ist das letzte Jahrhundert erst jung, da wird an Bord des Ozeandampfers Virginian ein Baby entdeckt. Novecento nennen die Matrosen das Findelkind, aus dem einmal ein wundersamer Ozeanpianist werden wird, ein Vorläufer des Jazz, eine Legende, die nie in ihrem Leben den Ort ihrer Geburt verlassen wird. Um die Welt zu erfahren, braucht Novecento nur in die Augen der Passagiere zu blicken. Dort spiegelt sich alles, was sie gesehen und erlebt haben. Warum sollte er an Land gehen?

In Alessandro Bariccos literarischer Miniatur, geschrieben für einen befreundeten Schauspieler, flirren die an Bord der Virginian versammelten Stimmen durcheinander. Die Sprachmelodie der Legende vom Ozeanpianisten swingt jazzig, und was Barrico mit vielen Leerstellen leichthändig aufs Papier gepinselt hat, lässt Freiräume für assoziative Bilder- und Spiel-Erfindungen. Der Mensch als heimatloses Wesen, das Leben eine Reise ohne Ende: eine große Herausforderung, die sich Bernd Jeschek im Schlosspark-Theater auf seine stämmigen Schultern geladen hat.

Mit Silberstreifen-Anzug, gepunkteter Fliege und öligem Haar mimt er Novecentos besten Freund, jenen Trompeter, der die Geschichte des Klavierspielers erzählt. Seine Stimme ist kräftig, sein Lächeln melancholisch. Mit schaufelnden Händen, wippenden Beinen und blinzelnden Augen steht er an der Bühnenrampe oder sitzt auf dem Klavierhocker. Ein intensives Hörspiel mit sparsamen Schauspieleinlagen.

Weil ihm aber seine Trompete nur zum Playback taugt und die Tasten des Klaviers lediglich von Geisterhand gespielt werden, bleibt die Musikalität des Textes auf der Strecke. Jeschek erzählt, wie Novecento bei stürmischem Wellengang die Blockierungen des Klaviers löst und durch den Ballsaal des Schiffes schlingert, wie er im Wettstreit mit einem arroganten Jazz-Star rasante Ragtime-Rhythmen erfindet. Doch es bleiben bloße Worte. Die Inszenierung geht kein Wagnis ein. Der Erzähler verwandelt sich nicht, wie Baricco es wollte, kurz vorm tragikomischen Finale in Novecento. Immerhin erfasst der von Regisseur Michael Gampe ziemlich allein gelassene Jeschek die existenzielle Tiefe des poetischen Textes in den stillen Passagen. So ist der Abend nicht ganz verschenkt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar