Kultur : Ein Klick ins Filmglück

CHRISTINA TILMANN

Bestimmt, dies ist der Film zur Buchpreisbindung.Das Schreckgespenst des großen Ausverkaufs, der mit Dumping-Preisen die kleinen Buchläden in den Ruin treibt, in Amerika ist es schon Realität.Fox Books zum Beispiel, ein (fiktiver) Buchmogul, der gerade in der Upper West Side Manhattans seine neue, wer weiß wievielte Dependance eröffnet, ist so ein richtiger Megastore, mit Leseecken, Espressobar und schicken Corporate-Identity-Details wie Taschen, Stofftieren und T-Shirts.Modell Hugendubel sozusagen.Dagegen ist "The shop around the corner", der Traditionsbuchladen in Familienbesitz, reizend altmodisch, mit Holzregalen, selbstgebasteltem Weihnachtsschmuck, persönlicher Beratung und Vorlesestunde für die lieben Kleinen.Problem nur: Die Bücher kosten doppelt soviel.

Der Kampf um Marktpositionen wird in Nora Ephrons Filmkomödie "e-mail für dich" ausgetragen auf ganz konkretem, persönlichem Boden.Meg Ryan, strubbelig wie eh und je, ist die charmante, etwas scheue Buchhändlerin Kathleen Kelly, die die "Buchhandlung um die Ecke" von ihrer Mutter übernommen hat und sie mit viel Engagement und etwas weniger Sinn für Rentabilität weiterführt.Tom Hanks ist der smarte Jungunternehmer Joe Fox, der Fox Enterprises zum ökonomischen Erfolg führt.Und beide, seit "Sleepless in Seattle" Traumpaar märchenhaft harmloser Filmkomödien, führen seit längerem eine anonyme e-mail-Beziehung.Sie schreibt unter dem Kennwort "Shopgirl", er unter "NY152", und sobald der jeweilige "Lebensabschnittsgefährte" die Wohnung verlassen hat, heißt es: "e-mail für dich".

Eine Komödie mit doppeltem Boden: Sie lebt davon, daß der Zuschauer immer mehr weiß als die Filmfigur.Er weiß von der Diskrepanz zwischen Schein und Sein, zwischen virtueller und realer Gestalt.Und zumindest, bis den beiden Kontrahenten von ihrer Doppelrolle dämmert, zieht der Film aus der Parallelmontage Tempo und Witz.Noch besser funktioniert die Komödie allerdings, wenn man noch um einen Boden mehr weiß: "e-mail für dich" ist das Remake eines Ernst-Lubitsch-Klassikers von 1940.In "The shop around the corner" ("Rendezvous nach Ladenschluß") waren es der junge James Stewart und Margaret Sullavan, die sich poste restante leidenschaftliche Liebesbriefe schrieben, während sie sich im realen Leben als Angestellte ein Katz-und-Maus-Spiel lieferten.

Sicher, Tom Hanks ist nicht James Steward, trotz vielleicht vergleichbar ungelenken Auftretens, aber dennoch: "e-mail für dich", der Lubitschs Film zumindest ehrenhalber im Ladentitel führt, liefert den Beweis, daß nach allen mißglückten, phantasielosen Remakes, mit denen Amerika in den letzten Monaten aufgewartet hat, hier zumindest eines elegant und überzeugend den Sprung in die Jetzt-Zeit geschafft hat.Die Offenheit, ja Intimität, zu der die Anonymität des Internets verführt, die tägliche Chance, beim Bäcker, im Café oder in der U-Bahn neben dem Fremden zu stehen, dem man täglich Briefe schreibt, wird von Nora Ephon bis in die letzte Verästelung ausgespielt.Daß AOL es sich nicht nehmen ließ, im Vorfeld großzügig mit e-mail-Freistunden zu werben, ist nicht verwunderlich: Die Chance, im nächsten Chatroom auf, sagen wir mal, Julia Roberts zu treffen, scheint nach "e-mail für dich" nicht allzu gering zu sein.

In 17 Berliner Kinos, OmU im Cinemaxx Potsdamer Platz, Odeon und Kurbel

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