Kultur : Ein Knarzen im Getriebe

REINHARD J.BREMBECK

Die Stimme steht leise und fistelnd, aber völlig mühelos im Raum.Eine Art Sprechgesang im Falsett, der sich nie zu Pathos oder Psychologisieren hinreißen läßt.Sondern ironisch gelassen ewige Wahrheiten verkündet."Hinterfotzig" würde man in Bayern sagen.Ein Wort, das zu schön und zu schillernd vieldeutig ist, um es ins kalte Hochdeutsch zu übersetzen.Es trifft aber genau das, was Josef Bierbichler - Bayerns größter Schauspieler - dort oben auf der Bühne der Münchner Muffatthalle macht.

Den Text und die Musik dazu hat ihm Heiner Goebbels zusammengestellt, indem er die beiden 100.Geburtstags-Jubilare Hanns Eisler und Bert Brecht zum Rechenschaftsbericht auf die Szene bittet."Eislermaterial" heißt diese siebzigminütige Übung im Widerstand, deren Uraufführung in München ausgiebig beklatscht wurde.Nicht nur, weil Bierbichler wie der gute Geist über den Wassern dem Abend den letzten Schliff der Vollkommenheit verpaßt.Sondern weil Heiner Goebbels, der immer noch undogmatisch linke Musiktheatermacher jenseits der Opernhäuser, sorgfältig, liebevoll, humorvoll und ehrlich mit seinem großem Vorbild Eisler umgeht.

In der Bühnenmitte liegen die roten Leinenbände der Eisler-Ausgabe, darauf eine kleine Eislerstatue - beim Dirigieren.Zweimal wird sie angestrahlt und dann wirft sie einen meterhohen Schatten.Dazu kommt aus den Lautsprechern ein Verschnitt von Eisler-Interviews: die geknarzte Aufrichtigkeit, die Suche nach einer neuen Musik fürs heutige Publikum von der Straße, der heitere, heilig zornige Ernst des unbeugsam Listigen, die Wut auf die Verstiegenheit der Konzertsäle.Und das alles ohne eifernden Bierernst.Durch diesen Eisler wurde Heiner Goebbels schon früh geprägt, in der Zeit seines mit Vorliebe auf Demonstrationen spielenden Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters.

Auch musikalisch: Die Vorliebe für Song, Bläsersound und das Einfach-Komplizierte.Denn der Rest des Abends baut sich aus Songs und Instrumentalmusik Eislers auf.Goebbels hat frech drauflos montiert, bricht Songs ab, läßt sie übergehen ins Allegro assai der "Kleinen Sinfonie", färbt das Solidaritätslied von "Die Fabriken" mit einer unveröffentlichten Streichquartettskizze, instrumentiert neu, läßt improvisieren, mischt Sampler-Sphären-Sounds in die Zwischenräume.Das sind keine Bearbeitungen Eislers im akademischen Sinn.Vielmehr passiert hier Ausbeutung im guten Sinn: Goebbels zeigt, was an diesem Eisler für ihn so spannend und immer noch aktuell ist.

Er zeigt aber auch, warum dieser Eisler eine gesamtdeutsche Wunde ist, und warum er (zumindest im Westen) so gut wie unbekannt ist.Deshalb muß der Abend mit der Nationalhymne für ein besseres Deutschland beginnen, mit Brechts "Anmut sparet nicht, noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand, daß ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land...".Schon beim Lesen wird klar, wo die Probleme liegen.Wörtlich genommen klingt das recht naiv; brüllen kann man solche Nachdenklichkeiten kaum.Also sitzt das Frankfurter Ensemble Modern auf Bänken an den Bühnenrändern und singt gelassen und sotto voce, diesen an Haydns Kaiserlied und Streichquartettsatz angelehnten, säkularisierten Choral.Und der Zauber greift, das Wunder wirkt.Das ist die große Leistung des Abends: daß sie immer die Mitte findet zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit.

Wo aber bleibt Goebbels? Indem er fast gar nichts macht, indem er wie ein guter Dirigent nur an entscheidenden Stellen eine neue Richtung vorgibt - dadurch ist er ständig präsent.Das wird am Ende mehr als klar.Hier setzt Goebbels die Altenberg-Vertonung "Und endlich stirbt die Sehnsucht doch." Daß die Sehnsucht aber doch nicht so sang- und klanglos stirbt, ist dank Bierbichlers feiner rhythmischer Verschiebungen sofort klar: es knarzt vernehmlich im Getriebe.Und dann bricht das Stück auch noch vor dem letzten Wort abrupt ab.Das heißt "froh" und kann als Motto gelten, für diesen spannend leichten, aufrüttelnden Abend.

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