Kultur : Ein Königreich für eine Bananenkiste

Lehrgut: das Globalisierungsdrama „Alles muss man selber machen“ in den Berliner Sophiensälen

Philipp Lichterbeck

„Sind Sie für oder gegen die Globalisierung?“ – Gleichstand. „Sind Sie für oder gegen die Agenda 2010?“– Klare Ablehnung. – „Sind Sie für oder gegen Agrarsubventionen für Brandenburg?“ – Verwirrung im Zuschauersaal. Es ist ja wirklich nicht so leicht zu verstehen, was zur Zeit auf der Welt passiert. Da geht es dem Publikum in den Berliner Sophiensaelen nicht anders als den meisten anderen Menschen. Das spontan einberufene Parlament sitzt im Halbkreis auf Bananenkisten (Sinnbild des Welthandels!). Nur eins fühlt es, weiß es: „Irgendwas stimmt nicht!“ Wie es die Claudia mit den Zöpfen und feinem Lächeln vorne auf der Bühne sagt. Sie meint die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, den Glauben an die Allmacht des freien Marktes, der nun auch hierzulande die sozialen Beziehungen regeln soll.

Der 33-jährige Regisseur und Ökonom Matthias von Hartz ist bekannt für unkonventionelle Stücke, getreu dem Motto „Ob es dann noch Theater heißen darf, ist mir egal“. Die Frage nach der Definition darf in der Tat gestellt werden bei seiner jüngsten Inszenierung „Alles muss man selber machen“ (8. und 9., 12–16.November, jeweils 20 Uhr). Denn vielmehr als eine Geschichte bietet er Aufklärung über die Ideologie des Neoliberalismus. Drei Schauspieler führen anhand von Vorträgen, Spielen und Filmen vor, was ein Freihandelsabkommen ist, wie die Privatisierung der Wasservorkommen funktioniert oder wie sich Konzerne in den Industrieländern Patente auf die tropischen Pflanzen unter den Nagel reißen. Zwischendurch werden Fakten an die Wand projiziert. Etwa, dass das Bruttoinlandsprodukt der 48 ärmsten Länder dem Vermögen der drei reichsten Männer der Welt entspricht.

Im schlimmsten Fall sind die Lektionen dröge wie ein Uni-Referat; im besten Fall aber neckisch, dialektisch, lehrreich, eine Mischung aus Bert Brecht und Peter Lustig. Fazit: Wenn du nicht willst, dass die anderen die Globalisierung neoliberal versauen, musst du eben mitmachen.

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