Kultur : Ein Koffer aus Bombay

Die Berlinische Galerie präsentiert die Porträtsammlung Feldberg

Michael Zajonz

Leblos schlenkern Arme und Beine im zu weiten Anzug. Blutrot tropft es vom Pinsel. „Das dankbare Vaterland dem unsterblichen Künstler“ heißt es auf dem Trauerkranz. Der Maler hat sich erhängt. Oder besser: Er droht damit. Das makabre Bildchen ziert eine Neujahrskarte, die Michel Fingesten 1932 an Freunde und Förderer verschickte. Einer von ihnen, der 1899 geborene Jurist und Kaufmann Siegbert Feldberg, bestellte bei Fingesten auch während der Weltwirtschaftskrise: Grußkarten, Exlibris, sogar ein Selbstbildnis.

Auf Letzterem trägt der Maler Fliege und ein elegantes rotes Sakko. Es ist eines von rund siebzig Selbstporträts, die Feldberg, Inhaber eines Geschäftes für „Jünglings- und Herrenkonfektion“ in Stettin und Berlin zwischen 1923 und 1933 zusammentrug. Der jüdische Kunstsammler zahlte großzügig – meist nicht bar, sondern mit Anzügen und Herrenmänteln. Was heute kurios klingt, war in den Zwanzigern fester Bestandteil des Kunstmarktes. Conrad Felixmüller, der ebenfalls zu den von Feldberg Gewandeten gehörte, erinnerte sich, dass 1923, auf dem Höhepunkt der Inflation, selbst „Südfrüchte und Obst en gros bis zum Zentnersack Walnüsse“ gegen Kunst getauscht worden seien.

Feldbergs Kabinettstücke sind nun erstmals seit 1963 in Berlin präsent: Die Berlinische Galerie stellt sich mit ihnen beim neuen Nachbarn, dem Jüdischen Museum, vor. Im Herbst eröffnet das Landesmuseum für Moderne Kunst sein Domizil im Windschatten des Libeskind-Baus. Da schien es Direktor Jörn Merkert ratsam, schon mal anzuklopfen, um künftige Allianzen anzubahnen.

Siegbert Feldberg emigrierte 1934 nach Indien, seine Frau und die beiden Söhne folgten im Frühjahr 1939. Das Gros der Arbeiten, die als entartet galten, konnte Hilde Feldberg im Koffer nach Bombay retten. Späteren Versuchungen, einzelne Spitzenblätter zu verkaufen, haben beide widerstanden. So stehen noch heute neben unbekannten Namen Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Erich Heckel oder Oskar Kokoschka. Natürlich spielen die Maler künstlerische Selbstentwürfe durch, doch letztlich handelt es sich um einen ausgesprochen bürgerlichen Club der ernsten Herren. Die drei Künstlerinnen neben der Kollwitz fallen kaum ins Gewicht.

1976 verkaufte Hilde Feldberg an die Berlinische Galerie. Zwei Jahre später gastierte die Kollektion im Bonner Bundeskanzleramt. In der anschließenden Ruhephase versäumten es die Museumsleute, Feldbergs Witwe zu befragen. Das ist umso bedauerlicher, als derzeit zwei vergleichbare Sammlungen von Selbstporträts des 20. Jahrhunderts aufbereitet werden. Das Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museum stellt die 1995 erworbene Sammlung Adolf Dörries vor. Die Lübecker Museen übernehmen demnächst 1200 Blatt von der Hamburger Sammlerin Leonie von Rüxleben. Beide Kollektionen sind nach 1945 entstanden und machen deutlich, was Feldberg nicht interessiert hat: die unversöhnlichen Selbstbefragungen Max Beckmanns beispielsweise.

Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9–14, bis 13. Juni, tägl. 10-20, montags bis 22 Uhr. Katalog 15 Eu ro.

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