Kultur : Ein Komödiant, der es ernst meint

Ralph Eue

Bertrand Bliers Filme gehören zu den ungemütlichsten, die das französische Kino in den vergangenen drei Jahrzehnten hervorgebracht hat. Gelegentlich sind sie von einer ausgeprägten Galligkeit durchzogen, und wiederholt erklärte der Regisseur, dass die schlechte Laune tatsächlich eine wichtige Produktivkraft seines Kinos sei. Seine Arbeit zeichnete sich durch provokativen Hintersinn und gefährliche Doppelbödigkeit aus, ebenso stand sein Name aber auch für großes Starkino: Bertrand Blier kann als Entdecker von Gérard Depardieu, Patrick Dewaere und Miou Miou gelten, diese drei spielten die Hauptrollen in "Die Ausgebufften" (1974). Für "Frau zu verschenken" (1978) erhielt er den Oscar. In seinen 15 Filmen wirkten unter anderem Bernard Blier (der Vater des Regisseurs), Isabelle Huppert, Alain Delon, Charlotte Gainsbourg, Michel Blanc und Anouk Grinberg mit, die für ihre Hauptrolle der glücklichen Hure Marie in Bliers vorletztem Film "Mon Homme" 1996 den Darstellerpreis der Berlinale gewann.

Mit seinem dritten Film "Die Ausgebufften", der sich, impertinent hemdsärmelig, gegen den Chic des damals gängigen französischen Kinos wandte, landete Blier einen veritablen Skandal: "Es war wie bei einem Unfall", erklärt er. "Jeder wollte sich abwenden, und doch schauten alle wie gebannt hin." Schnell avancierte der Film zum emblematischen Identifikationsobjekt: zwischen Bukowski-Tristesse und halbstarkem Übermut, zwischen leicht hingeworfenen Desperado-Posen und einer nicht zu überdeckenden existenziellen Verstörung.

Seitdem hat Blier den Ruf des Provokateurs weg. Er liebt es oft grell und grotesk und in jedem Fall un-eindeutig. Im Französischen gibt es dafür das schöne Wort ambigu. In vielem kann Blier als ein ferner Inspirator der Coen-Brüder betrachtet werden: Man schaue sich nur einmal "Die Ausgebufften" und "Big Lebowski" oder "Den Mörder trifft man am Buffet" und "Fargo" hintereinander an, um so einen wenig beachteten Herkunftsstrang des amerikanischen Independent-Kinos zu entdecken.

Bei der zehn Filme umfassenden Reihe im Filmkunsthaus Babylon kann man einen der großen Solitäre des französischen Kinos (wieder)entdecken. Keiner der bekannten Gruppenströmungen, auch nicht der Nouvelle Vague zugehörig, setzte Blier immer wieder dazu an, alle nur erdenklichen Konstellationen innerhalb der amoralischen Beziehungstriometrie durchzuspielen, mit Interaktionsformen und Machtritualen zu jonglieren und sie bis zu ihrem mitunter zynischen Ende zu treiben.

Bliers Arbeitsfeld sind Komödien, die es ernst meinen. Aberwitzig brechen sie mit sozialen Tabus und Kinoregeln. Sie springen leichtfüßig von Szene zu Szene. Kino der Möglichkeitsform - desillusionierend und provokant. Am Ende von "Abendanzug" (1986) schickt der Regisseur seine drei Hauptdarsteller buchstäblich auf den Strich. Alle sind irritiert: Randfiguren, Zuschauer, Kritiker. Nur die drei Hauptbetroffenen nicht. Auf einmal sind die Menschen wieder gleich, und sie haben auch das gleiche Problem. Sie haben ihr Leben verhunzt, und es spielt keine Rolle mehr, ob sie Männer oder Frauen sind. Das ist fast wie in den ersten Tagen der Menschheit. Oder in den letzten. "Abendanzug" changiert ständig zwischen Lebenswut und Katzenjammer. Geschrieben und gedreht wurde er unter dem Eindruck der Nachrichten von einer neuen Krankheit, die damals nach Europa schwappte: Aids.

Oft wurde Blier bescheinigt, er sehe im Vergleich mit seinen Filmen so harmlos aus. Worauf er immer wieder gerne antwortet: "Zum Glück, sonst säße ich hinter Gittern - und zu Recht."

Blier ist einer der international renommiertesten Regisseure des französischen Kinos, doch seine Filme kamen in Deutschland nur zum Teil ins Kino. Auch sein letzter, "Les Acteurs" (2000), worin sich 15 französische Super-Stars in Hauptrollen (!) ein Stelldichein geben, ist erst jetzt im Rahmen der Retrospektive zu sehen.

In Frankreich hat man "Les Acteurs" eine Altersmilde bescheinigt. Der buñuelsche Zorn des Kino-Provokateurs sei verflogen. Dabei heizt Blier auch hier wieder dem Engelchen des Boulevard mit dem Teufelchen des Surrealismus ein: Die Schauspieler in "Les Acteurs" stellen sich allesamt selbst dar. Sie sind reife Persönlichkeiten: Charaktere und Prominente. Aber tun diese Prominenten uns den Gefallen, glauben zu dürfen, wir würden sie nach diesem Film besser kennen? Kaum, denn sie geben sich so, wie sie eh in unserer Imagination existieren. Sie spielen mit Nähe und Distanz. Sie entrücken sich selbst mit ihrer eigenen Geschichte. Manchmal setzen sie ein Fragezeichen. Stimmt es so, wie wir sie sehen können? Und gerade für diese Fragezeichen lieben wir sie.

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