Kultur : Ein Kraftkerl - Im Schlosspark-Theater Berlin

Christoph Funke

Als Friedrich Nietzsche die Erlösung der Welt zum "Tanzboden für göttliche Zufälle" dekretierte, übergab er dem Menschen damit eine neue, gleichsam nackte, furchteinflössende Freiheit: In einer Welt ohne Gott, ohne Jenseits, sind aller überlieferten Anschauungen nicht mehr gültig, fallen Wahrheit und Lüge, Wissenschaft und Kunst, Völker und Vaterländer aus ihren bisherigen Bestimmungen heraus. Das Jahrhundert nach Nietzsches Tod hat diese Voraussage mit böser Konsequenz bewiesen. Aber - hier soll und kann nicht über einen der "unheimlichsten Geister" (Ivo Frenzel) unter den Großen der Philosophie geschrieben werden, sondern über ein Theaterstück. Alexander Widner brachte den beunruhigenden, umstrittenen Denker auf die Bühne, als einen von Krankheit und Familie Gefesselten, der Gedankenketten in monologischen Entladungen lustvoll hervorstößt. Dieser zur Flucht nach Italien nicht mehr Fähige reißt geistige Horizonte auf, er ist ein boshafter Spieler, der mit Witz und Wut die Welt sprengt, in der er gefangen sitzt. Bei diesem Rasen dem Ende zu tragen nicht die bewundernd Ehrlichen, sondern die ausbeuterisch Fälschenden den Triumph davon. Nietzsche, umsorgt, eingeengt, bewacht von Mutter und Schwester, hat das arme Abenteuer mit Lou Andreas-Salomé, die Geilheit verlischt im Wohnzimmer des fin de sie¡cle. Und er darf den stummen Peter Gast, den Famulus, den philosophisch Bediensteten, kommandieren und schikanieren. Cosima Wagner erscheint ihm als das Schreckbild des einstigen, in Hass verkehrten Wagner-Verehrung. Folgerichtig geht eine Büste des Komponisten zu Bruch - und ist schnell wieder ersetzt. Nachdem der Held erschöpft ist, oder erlöst, übernimmt Elisabeth Förster das Erbe, wie der Philosoph es wusste: "Unbequem, schwierig werde ich erst werden nach meinem Tod".

So tollkühn, das Universum Nietzsche ausleuchten zu wollen, ist Andreas Widner allerdings, verständlicherweise, nicht. Er befragt den Philosophen nach seinem Verhalten zum "deutschen Elend" und scheut dabei den clownesken Ansatz nicht. Ein philosophisches Werk wird gefiltert, verdünnt auf seinen Unterhaltungswert. Und der ist noch immer groß genug. Der Bühnen-Nietzsche hält Gericht, über den Wahn der Deutschen, ernsthaft und bedeutend zu sein. Er verhöhnt den nationalistischen Eifer der Schwester, die sich mit dem verfälschten philosophischen Vermächtnis den Nazis andienen wird. Der Held sieht voraus, dass gerade die Deutschen , uneinsichtig, stur, besserwisserisch, sein Denken wie alles Denken missverstehen werden. Er weiß um das Kleinliche, Bösartige, das ihn umgibt. Und nimmt mit schauerlichem Humor zur Kenntnis, dass alle Sehnsucht nach Leichtigkeit, nach Anmut, nach Lust und nach Musik unerfüllt bleiben wird. Dieser Nietzsche ist ein Polterer und ein Prediger, ein Listiger, ein Süchtiger - nicht nur nach Alkohol, sondern auch nach immer neuen Masken, hinter denen er sich verstecken und offenbaren kann. Aber - wie soll man das spielen?

Joachim Bliese macht im Berliner Schlosspark-Theater auch nicht einen Moment den Versuch, "Nietzsche" auf die Bühne zu stellen. Er führt einen Komödianten vor, der Nietzsche gelesen hat, sich mit ihm über ihn lustig macht, um auf den Ernst der Sache zu kommen. Das Kreatürliche wird vom Geistigen abgezogen, und ein wüster Kerl darf sich austoben bis zum Exzess. Es herrscht die gnadenlose Kinderei des Versteckspiels. Krankheit, Liebe, Freundschaft sind immer nur vorgemacht für immer neue gedankliche Entladungen, die aus dem Körper geholt werden. Es ist das Denken aus dem Bauch, gestenreich, von der Verzagtheit bis zum wilden tänzerischen Ausbruch reichend, das da vorgeführt wird. Einer müht sich ab, mit Händen und Füssen, von den Handlagern gewärmt, massiert und gekratzt, der zu seinem Kopf die Sinnlichkeit finden will, um jeden Preis. Bliese spielt den täuschungsreichen Kraftkerl, nicht den Kranken, einen, der aus Höhenflügen wegsackt in Haltungen der Demut - aber auch die sind raffiniert gesetzt, probieren aus, wie weit das Spiel mit Menschen und ihre Ansteckung durch geistige Provokation gehen kann.

Der Inszenierung von Thomas Birkmeir gibt diese Rollengestaltung das entscheidende Gewicht. Im Versuch, das Phänomen Nietzsche mit bösem Spaß anzugehen, lässt sich der Regisseur, besonders an den Aktschlüssen, auch zu Verdickungen verleiten, die bis ins Deftig-Kitschige und Agitatorisch-Dröhnende gehen. Sonst hat er das Spiel fest im Griff, stellt es nicht in das vorgeschriebene Wohnzimmer, sondern in einen fast möbellosen Saal mit nackten Wänden und gescheuertem Holzfussboden. In diesem Raum, zugleich Krematorium und Ruhmeshalle (Bühne Andreas Lungenschmid) agieren die Stichwortgeber mit kühler Genauigkeit. Dagmar von Thomas (Elisabeth), Edtih Teichmann (Mutter), Wiebke Frost (Lou) führen Arten der Zurückhaltung vor, die den Helden geradezu elektrisieren. Alexander Pschill macht den (stummen) Peter Gast zu einem buckelnd beflissenen Helfer, der dünn und hungrig vor Wissbegier wie eine Spitzweg-Figur durch den Saal tänzelt - die Premiere der deutschen Erstaufführung heimste jubelnden Beifall ein.Nächste Aufführungen heute bis 25. März sowie vom 27. März bis 8. April, jeweils 20 Uhr.

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