Kultur : Ein Kraftkerl mit Seele

Peter W. Jansen

Dass Zishe Breitbart, der jüdische Schmied aus einem polnischen Stetl, ein Mann mit riesigen Körperkräften, in Berlin landet, kann nicht ausbleiben. Denn das Berlin vom Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre konsumiert jede Sensation, jede Perversion, jede Subversion. Hanussen, der zwielichtige Wahrsager, versammelt die Dekadenten und Gelangweilten, aber auch die machtgeilen Nationalsozialisten in seinem Etablissement, dem "Palast des Okkulten". Denn Hanussen sagt nichts weniger als den Sieg Hitlers voraus. Zu den Attraktionen seiner Show zählt jetzt auch Zishe, der mit blonder Perücke und in teutonischem Leder-Outfit und mit Flügelhelm vor den Pseudo-Germanen im Saal den kettensprengenden Siegfried markieren muss.

Bis Besuch aus Polen kommt und der kleine Bruder Benjamin, den Zishe ob seiner Klugheit verehrt, den Riesen an die Legende vom Prinzen erinnert: Der hielt sich für einen Hahn und ein weiser Mann sagte ihm, ein Hahn bleibe ein Hahn, auch wenn er unter Menschen lebe. Die Botschaft ist nicht misszuverstehen. Und mag das braune Publikum den Kraftkerl noch so sehr als Siegfried feiern: Zishe tut das, was man heute outen nennt; und er findet das auch gut so.

Es gibt Augenblicke in diesem Film, in denen man noch die Pranke des Löwen spürt. Dieser gehört nicht dazu. So wenig wie alle anderen zeitgeschichtlich korrekten Szenen und Sequenzen. Sie erreichen den Höhepunkt mit dem Fememord an Hanussen und der Prophezeiung Zishes vom Unheil, das den Juden droht - und was sie so wenig glauben, wie sich das angesichts historischer Tatsachen auch gehört. Dass nichts davon unser Herz bewegt, mag daran liegen, dass dieser naive Geschichtsdiskurs in einem Hörsaal stattfindet, dessen Türen sperrangelweit offen stehen und der kein Geheimnis kennt. Wie könnte er auch.

Gelegentlich kann der mit fantastischem Aufwand an Dekor und Personal, Architektur und Kostüm produzierte und makellos professionell und ausgewogen inszenierte Film so aussehen, als hätten an ihm der Fassbinder von "Lili Marleen", der Reitz aus den letzten Folgen seiner ersten "Heimat"-Serie, der Wicki vom "Falschen Gewicht" und vom "Spinnennetz" mitgewirkt. Der historisierende, "vernünftige" Realismus des Werner Herzog ist zum Erbarmen. Aber er musste, sonst hätte ihn sein Gewissen nie mehr ruhen lassen, diesen tapfer antifaschistischen Film machen, wie Fitzcarraldo das Schiff über den Berg hieven musste.

Tim Roth als Hanussen mag ein Sadist von Graden sein, aber er ist kein Kinski, der sich selbst wie seinem Regisseur der ärgste Feind war. Und der Finne Jouko Ahola, zweimaliger "Stärkster Mann der Welt", ist alles andere als einfältig - was, nebenbei, auch das Drehbuch niemals erlaubt hätte; er gehört nicht zu den begnadeten Autisten vom Schlag des Bruno S. und des Clemens Scheitz, die Filme wie "Jeder für sich und Gott gegen alle" und "Stroszek" zu Wunderwerken des Widerstands gegen das operativ optimale Funktionieren im historisch-gesellschaftlichen Kontext gemacht hatten. Nur die Musikmontage - wenn sie einmal den wagnerianischen Score von Hans Zimmer und Klaus Badelt verlässt und mit Händel geradezu kontraproduktiv sakral wird - kann gelegentlich an die heroische Bandbreite von Popul Vuh gemahnen.

Und dann, gottlob, zieht Werner Herzog doch noch die Löwentatze aus dem Glacéhandschuh, wenn er tausende Krabben, glühend rot, über verkarstete Felsen am Meer kriechen lässt. Da verneigt er sich vor einem Meister, dem er früher näher stand, vor Luis Buñuel und seinem "Goldenen Zeitalter".

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