Kultur : Ein Küchenmesser für Vater

Britta Schröder lässt Büchners Lenz in weiblicher Gestalt auferstehen.

Martin Lüdke

Es war früh am Morgen. Der Anruf eines Freundes aus Kolumbien erreichte sie in Chile. Er fragte, wie es ihr gehe. Sie antwortete: „Gut. Stabile Schieflage“. Eine treffende Beschreibung ihrer Situation, und mehr noch: auch ihrer Person. Diese junge Frau gehört zu den Leuten, die man nicht wieder vergisst. Sie prägen sich ein, werden zu einem Stück unserer eigenen Lebensgeschichte. Vielleicht auch, weil sie so rätselhaft sind und bleiben.

Natürlich, so heißt es jetzt bei Britta Schröder: „Erinnerungen überschreiben sich fortwährend selbst.“ Das mag der Grund sein, weshalb solche Leute, in womöglich veränderter Gestalt, immer wieder auftauchen. Der Mann von früher, der durchs Gebirge ging und dann, 150 Jahre später, sich in Italien verlor. Der Mann, von dem es heißt: Müdigkeit habe er nicht verspürt, es sei ihm nur unangenehm gewesen, dass er „nicht auf dem Kopf gehen konnte“. Dieser Mann, es handelt sich um Georg Büchners „Lenz“, tauchte in der gleichnamigen Erzählungen von Peter Schneider noch einmal auf. Und jetzt wieder bei Britta Schröder, diesmal allerdings in Gestalt einer Frau.

Es ist dasselbe Hochgefühl und eine ähnliche Verzweiflung. Eine Leichtigkeit, die es der jungen Frau erlaubt, durch die Welt zu schweben, und eine Schwere, die es ihr unmöglich macht, auch nur vor die Tür zu gehen. Es ist die gleiche Melancholie, die immer wieder aufbricht und eine ähnliche Verrücktheit, die das Ganze ins Surreale zu heben scheint. Es ist ein existenzieller Ernst, der hier vorherrscht, und eine spielerische Leichtigkeit, mit der er sich präsentiert. Britta Schröder, die von Haus aus Kunsthistorikerin ist, lebt als freie Lektorin in Frankfurt am Main. „Zwölfender“, ein schmales Büchlein, das der Verlag „Roman“ genannt hat, ist ihr erzählerisches Debüt.

Ihre Heldin, die junge Frau, macht keine Kunst, wie sie betont, sondern restauriert sie nur, bezieht damit aber ein Einkommen, das ihr einfach mal so einen Flug nach Florida erlaubt und wenig später die Reise nach Chile, die den größten Teil des Buches beansprucht. Alles beginnt mit einem Besuch beim Vater, mit dem sie Frieden schließen will, „nach vielen Jahren eisiger Stille.“

Stattdessen rammt sie ihm ein Küchenmesser in den Leib, ruft den Krankenwagen und verlässt dann, „mit ruhigen Schritten“ das Haus. „Zwei Tage nach der Sache mit meinem Vater“ fliegt sie nach Florida. Nach ihrer Rückkehr erfährt sie, dass ihr Vater überlebt, aber der Polizei keinerlei Auskünfte gegeben hat. Ihrem Freund, der sie fragt, ob sie damit etwa zu tun gehabt habe, antwortet sie knapp, aber präzise: „Ja“. Seine daraufhin spürbare Zurückhaltung verwundert sie nicht.

Es folgen Episoden, die chronologisch, ohne Rückblenden, äußerst lakonisch erzählt werden, wenn auch gelegentlich von surrealen Einschüssen und vor allem von albtraumartigen Sequenzen durchsetzt. Jagdszenen zum Beispiel, in denen auch, von einer Jägerin erlegt, der „Zwölfender“, ein kapitaler Hirsch, vor den Füßen der Frau liegt. Und der Schrank taucht auf, in dem die Icherzählerin am Anfang und am Ende buchstäblich abtaucht.

Gefühlsregungen und psychologische Erklärungen gibt es keine. Nur psychosomatische Reaktionen des Ichs auf die Welt. Die junge Frau begegnet auf ihrer Reise einer Reihe bemerkenswerter Gestalten, einem etwa gleich alten Anthropologen, einer Pensionswirtin, einem professionellen Pokerspieler, einem Brüderpaar, das sich mit einem Boot und Gelegenheitsarbeiten über Wasser hält. Sie alle werden nur mit wenigen Worten beschrieben und dabei sofort lebendig. Wie in einem Roadmovie geht es über vielen Stationen voran. Es entsteht eine eigenartigen Spannung, die durch irritierende Einschübe nach jedem Kapitel eher noch gesteigert wird.

Die Erkenntnis der jungen Frau, mit der sie seinerzeit die Wohnung ihres Vaters verließ, trifft auch sie selbst: „Seine Heiterkeit, seine Neugierde und Abenteuerlust waren nur ein Schild gewesen, hinter dem sich Leere und Unlust verbargen." Es ist eine faszinierend rätselhafte Erzählung, die Britta Schröder geschrieben hat. Aber in dem Maß, in dem sie sich als Ganzes entzieht, treten einem ihre Gestalten um so deutlicher vor Augen. Georg Büchners „Lenz“, Peter Schneiders „Lenz“ und Britta Schröders „Zwölfender“ – sie sind Erinnerungen geworden, die sich selbst fortschreitend „überschreiben“. Und: bleiben.

Britta Schröder

Zwölfender. Roman. Weissbooks, Frankfurt am Main 2012.

156 Seiten, 16, 90 €.

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