Kultur : Ein Lama wie du und ich

SEBASTIAN SCHWARZENBERGER

Wieso gehen die Menschen eigentlich so gerne in den Zoo, auch wenn sie nicht daran zweifeln, daß die Tiere anderswo ein besseres Leben führen würden? Gehen sie, wenn sie jung sind, dorthin, um Eis zu essen, auf dem Spielplatz zu spielen, Treppen hoch und runter zu springen und zu fotografieren? Oder später, wenn sie älter sind, weil sie sich daran erinnern, daß sie ebensolches früher einmal gerne gemacht haben? Oder ist das Motiv doch am Ende die Liebe zu den Tieren?

Traut man den Fotografien, die bei Zoobesuchern gewöhnlich entstehen, dann zieht es die meisten Menschen wegen der Tiere dorthin.Doch schnell stellt sich beim Betrachten selbst der neuesten Zoobilder ein Déja-vu-Erlebnis ein.Nicht so bei Britta Jaschinskis Werken, die zur Zeit im Rahmen einer Ausstellungsreihe zu Positionen der Fotografie in der Galerie Hohenthal und Bergen zu sehen sind.Jaschinski besucht seit vielen Jahren verschiedene Zoos in den USA und Europa und entdeckt fotografierend immer neue Tierwelten.

In den letzten Schwarzweiß-Bildern spürte sie dem Verhältnis von den Zootieren zu ihrer Umgebung nach.Dabei tauchten überraschende Übereinstimmungen von Mustern und Maserungen der Tierkörper mit Oberflächen ihres Umfeldes auf.Gitterstäbe und Tigerfell oder auch verstreutes Laub und Leopardenfell gehen in ihren Aufnahmen faszinierende, aber auch bedrückende Nachbarschaften ein.

Die bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnete Fotografin will weder urteilen noch anklagen, sie möchte weder dokumentarisch noch didaktisch verstanden werden.Für sie sind die Zoobesuche der Kindheit, die häufig ein zwiespältiges Gefühl hinterlassen haben, der Ausgangspunkt ihrer Auseinandersetzung mit dem Zoo.Die Künstlerin versucht, durch das Paradoxon des Ortes stets neue Aspekte von sich, von den Tieren, aber auch von der Gesellschaft zu erkunden.

Die neuesten Arbeiten der heute in London lebenden Künstlerin (Jahrgang 1965) sind noch weiter reduziert.Die Schwarzweiß-Drucke (Iris Prints, Fünfer- beziehungsweise Zehner Auflage in zwei Formaten, 950 DM beziehungsweise 3500 DM) lassen die Tiere vollständig losgelöst von ihrem Umfeld erscheinen.Weder Gummireifen zum Spielen noch pseudo-wilde Gehege gaukeln eine paradiesische Tierwelt vor.Weder Gitter noch abwaschbare Wände verweisen auf die Eingesperrtheit der Zootiere.Die Fotos zeigen ganz einfach helle Tierkörper vor schwarzem oder dunkle Tierkörper vor weißem Hintergrund.

Britta Jaschinski interessiert selten die Gesamtansicht eines Tieres.Meist konzentriert sie sich auf den Kopf, so wie man es von der Fotografie von Menschen kennt.Die Wahl des Ausschnitts legt häufig erst auf den zweiten Blick die Charakteristika frei, dunkle Augen heben sich erst bei längerer Betrachtung vom dunklen Gesicht ab.Jaschinskis Arbeiten haben eine besondere Qualität durch den souveränen und höchst variablen Umgang mit Licht und Schatten.Jedem Tier wird eine eigene Atmosphäre entwickelt.Diese gerät manchmal so dicht, daß selbst dem erfahrenen Zoobesucher die Frage nach dem jeweiligen Tier unauflösbar, aber auch banal erscheint.Die Künstlerin jedenfalls unterstützt die rasche Identifikation durch ihre Titel keineswegs: Wer kennt schon die lateinischen Namen Hylobates Lar oder Pongo Pygmaeus?

An den gezeigten Fotoarbeiten fasziniert vor allem, daß sie eher die Erinnerung an die Tiere zu spiegeln scheinen.Ob bewegt wie der Löwe, einem Scherenschnitt gleich wie der Panther, im Nebel versunken wie der Elefant oder im Licht aufgelöst wie der Affe: Diese Ansichten geben gerade so viel von ihrem Wesen preis, wie es auch bei einer flüchtigen Begegnung in der Natur geschehen würde.Allein das Lama bekommt ein ordentliches Porträtfoto von sich.

Galerie Hohenthal und Bergen, Fasanenstraße 29, bis 5.September; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.Im August ist die Galerie nur nach Vereinbarung geöffnet.

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