Kultur : Ein Land für Zufälle

Geboren in Russland, in Frankfurt zu Haus: Olga Martynova, die frisch gekürte Trägerin des Ingeborg-Bachmann-Preises.

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Gepriesen.
Gepriesen.Foto: Robert Bosch Stiftung GmbH

Es ist Sonntagabend, neun Uhr, und der Ingeborg-Bachmann-Preis-Tross hat Klagenfurt nach vier langen Wettbewerbstagen verlassen. Olga Martynova aber muss noch bleiben. Als Bachmann-Preisträgerin hat sie neue Pflichten. Statt gleich nach Frankfurt am Main zurückzukehren, wo sie seit 1991 lebt, muss sie am Montag nach Wien, zu Terminen bei Radio und Fernsehen.

Entspannt wirkt Martynova, wie sie da ganz allein auf der Terrasse eines Hotel-Cafés sitzt und auf ihren Gesprächspartner wartet. So entspannt, wie sie schon vor dem Wettbewerb war: „Ich wollte hier immer einmal teilnehmen und das alles miterleben, selbst als ich noch gar nicht auf Deutsch geschrieben habe. Dieser Wettbewerb ist etwas Besonderes.“ Angst davor, dass ihre Arbeit von der Kritikerjury zerpflückt werden könnte? Fehlanzeige. Im Gegenteil, „ich war wirklich neugierig, was die sagen“.

Tatsächlich hat sie den ganzen Bachmann-Wettbewerb von Anfang an „intensiv“ genossen und jede Lesung und Diskussion aufmerksam verfolgt. Selbst jene von Cornelia Travnicek, der jungen Autorin, die vor ihr an der Reihe war. In der Maske des Fernsehstudios, wo sie auf ihren eigenen Auftritt vorbereitet wurde, bat Olga Martynova die Mitarbeiter, den Fernseher einzuschalten, um auch Travnicek nicht zu verpassen.

Als sie dann ihren Text „Ich werde sagen: ,Hi‘ “ gelesen hatte, war klar, dass sie in jedem Fall einen der Preise bekommen würde – nicht nur weil die Jury fast geschlossen positiv bis überschwänglich reagierte. Ihre Geschichte hob sich weit ab von den Beiträgen ihrer Mitbewerber, souverän in Stoff und Sprache, reich in Themen und Motiven, nicht zuletzt unterhaltsam. „Ich werde sagen: ,Hi‘ “ ist der Auszug aus einem Roman, der 2013 im Droschl Verlag erscheinen und den Titel „Mörikes Schlüsselbein“ tragen soll. Bei Droschl ist auch gerade ihr jüngster Gedichtband „Von Tschwirik und Tschwirka“ erschienen, der – anders als die Prosa – auf Russisch entstanden ist und von Elke Erb und ihr selbst ins Deutsche übersetzt wurde.

Von Haus aus ist die 1962 im sibirischen Dudinka bei Krasnojarsk geborene Olga Martynova Lyrikerin. Mit der Poesie begann sie in Leningrad, wo sie aufwuchs. Hier gründete sie mit ihrem Mann Oleg Jurjew und anderen die Dichtergruppe Kamera Chranenija (auf Deutsch „Aufbewahrung“), die zugleich eine poetische Strömung, ein Verlag und bis heute ein Internetprojekt ist. „Wir hatten auch eine literarische Arbeit, die offiziell war, aber das waren Übersetzungen. Wenn wir Glück haben, so war damals unser Gedanke, können wir davon leben.“ Dann aber kamen Glasnost und Perestroika. Nach einer Lesereise Ende 1990 auf Einladung des Berliner Senats, ausgestattet mit einem dreimonatigen Visum, blieben Jurjew und Martynova ganz in Deutschland: „Da spielte eine Reihe von Zufällen eine Rolle.“ Deutsch sprachen sie nicht, „ ,Hände hoch‘ konnten wir sagen, das kannten wir aus den Kriegsfilmen“, sagt Martynova lachend.

Ende der neunziger Jahre begann sie auch auf Deutsch zu schreiben, zunächst Kritiken und Essays für Zeitungen, unter anderem für den Tagesspiegel, dann auch Prosa. 2010 erschien ihr erster Roman „Sogar Papageien überleben uns“, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte und für den „Aspekte“-Literaturpreis nominiert wurde.

„Eines Tages dachte ich, dass ich einmal sehr gern ein Prosabuch schreiben wollte“, sagt Olga Martynova. „Und ich dachte auch, dass es das einzige bleiben würde. Meiner Icherzählerin habe ich viele Elemente meiner russischen Herkunft geschenkt.“ Lange meinte sie auch, Prosaschreiben sei langweilig, habe auch technisch weniger Möglichkeiten. Nun gefalle es ihr immer besser. „Trotzdem bin ich zuvorderst Lyrikerin. Lyrik bleibt die höchste Stufe der Literatur.“

Und das Leben und Schreiben zwischen den Sprachen? „Ich schalte hin und her“, sagt Martynova. „Ich denke auch entweder auf Deutsch oder auf Russisch. Wenn ich mit einem Gedicht beschäftigt bin, denke ich russisch, und umgekehrt beim Kritiken- und Prosaschreiben deutsch.“ Trotzdem: Auch ihre Prosa bleibt von den literarischen Traditionen Russlands beeinflusst, wobei die surrealen wie schelmischen Ausläufer dieses geistigen Kontinents ihr am nächsten zu liegen scheinen. „Als die Jury Nikolai Gogol nannte und Daniil Charms, war ich glücklich“, sagt sie. „Das sind meine Einflüsse, unter vielen anderen.“

Jetzt aber genug geredet. Ein bisschen Ruhe schadet nicht nach dem Trubel des Tages, ein bisschen Alleinsein mit der Klagenfurter Nacht.

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