Kultur : Ein langer Marsch

José Cura dirigiert in der Deutschen Oper

Uwe Friedrich

Der Marsch aus Ottorino Respighis „Pini di Roma“ ist eine komponierte Verherrlichung Mussolinis. Dessen „Marsch auf Rom“ zeigt der Komponist in faszinierender Klangpracht. Alles, was sich ihm in den Weg stellt, wird niedergewalzt. Für dieses musikalische Programm nutzt Respighi äußerst geschickt alle musikalischen Mittel der Überwältigungsästhetik. Gleichzeitig war er aber auch ein großer Künstler mit Gespür für Klangfarben, für einen geradezu impressionistischen Duft, den er der italienischen Musik hinzufügte. Davon ist allerdings unter dem dirigierenden Brachialtenor José Cura mit dem Orchester der Deutschen Oper nichts zu spüren. Mit beiden Armen rudernd gibt er lediglich die Geschwindigkeit vor, während der Kopf tief in den Noten steckt. Die Bläser sind komplett auf sich alleine gestellt, denn Cura gibt den ganzen Abend hindurch kaum einmal einen Einsatz. Zum Frack trägt er ein offenes schwarzes Hemd, den Taktstock nimmt Cura in den Mund, während er die Brille aufsetzt. Erfrischend unkonventionell oder schlicht stillos? Jedenfalls macht er den faschistischen Lärm nicht besser, als er ist und den wenigen Cura-Fans im Saal gefällt es offenbar.

Es spricht für die Qualität des Orchesters, dass auch Sergej Rachmaninows zweite Symphonie ohne größere Unfälle abläuft. Offenbar haben alle Beteiligten ununterbrochen die Takte gezählt, um ihre Stellen nicht zu verpassen. Aber das ausladende Werk läuft farblos und klebrig ab. Rhythmische Konturen und fein abgestufte Steigerungen kriegt Cura nicht hin, selbst die angestrebten billigen Effekte verpuffen regelmäßig. Die Mezzosopranistin Daniela Barcellona absolviert das lyrische Gedicht „Der Sonnenuntergang“ mit ausuferndem Vibrato recht routiniert, die Streicher ziehen ambitionslos ihre Rosshaare über die Saiten. Am Ende hebt Cura demonstrativ die Partitur in die Höhe. Für alle, die das Werk sonst nicht erkannt hätten. Uwe Friedrich

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