Kultur : Ein Leben für das Theater der Welt

Zum Tod von Marie Zimmermann

Ulrike Kahle

Sie war bewundernswert. Eine Theaterfrau mit unermüdlichem Interesse, nie nachlassender Begeisterung, mit schneller Auffassungsgabe, eine Networkerin, ein Organisationstalent. Sie war beneidenswert. Mit ihrer Energie, ihrem Witz, ihrer Gabe zu prägnanten und pointierten Formulierungen.

Marie Zimmermann, geboren 1955 bei Aachen, war die jüngste von sechs Geschwistern, alle studiert, alle spielten ein Instrument. Disziplin, Teamgeist, Hingabe an die Kunst, das hat sie geprägt, doch zunächst wurde sie Journalistin. Aber es gab ein Theatergen, das sie zur Bühne drängte, sie wurde Dramaturgin in Esslingen, Intendant war Friedrich Schirmer, der bald nach Tübingen und nach Stuttgart ging, sie folgte ihm. Irgendwann dazwischen heirateten sie. Marie Zimmermann machte Karriere: von der Dramaturgin in der Provinz bis zur designierten Chefin der Ruhrtriennale. Sie war die geborene Festivalleiterin, das zeigte sich schon in Hannover bei den „Theaterformen“ 1997/98 und erst recht bei der Expo 2000. Sie war eine Entdeckerin. Als Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen unter Luc Bondy sah sie bis zu 150 Produktionen pro Jahr, vermied die übliche Festivalware, suchte lieber am Rand der etablierten Szene, im Innern der Länder und Kontinente, auch wenn es mühselig und zeitraubend war. Sie riskierte auch ein Scheitern, „Damit, wenn es schiefgeht, es wenigstens interessant schiefgeht.“

In der Ehe mit dem ebenfalls entdeckungsfreudigen Intendanten Schirmer hatte einer von beiden immer die Koffer gepackt. Oder war an einem anderen Ort. Wie funktionierte das? Im „Miteinander gehen“. Sie waren lange verheiratet.

Marie Zimmermann war fast eine Widerstandskämpferin, gegen das Establishment, gegen Langeweile, sah im Theater immer auch das Politische, den Stachel, der wehtun und die Sinne schärfen soll für das, was vorgeht in der Welt. Beim Festival „Theater der Welt“ verwandelte sie Stuttgart 2005 in eine gelöst feiernde Stadt, was danach nur noch der Fußball-WM gelang. Sie initiierte ein Künstlerdorf, aus dem ein neuer Stadtteil entstand, entdeckte, dass Stuttgart einen Hafen hat, ließ Chöre singen auf kreuzenden Schiffen, die Kräne tanzten Ballett. Sie hatte Mut und Visionen, und meist gelang, was sie sich in den Kopf setzte.

Sie hätte Theaterintendantin werden können, wählte das größere Wagnis und machte Festivals. Ob in Hannover, Wien oder Stuttgart, überall gelangen ihr aufregende, aufrührerische Theaterereignisse. Die Ruhrfestspiele 2008 hat sie nur noch vorbereiten können. Nie vermutete man eine Nachtseite bei ihr; nie, nie ein Nachlassen der Energie, der Begeisterung. Am Mittwoch hat sich Marie Zimmermann in einer Hamburger Klinik das Leben genommen. Ihr Ehemann Schirmer, Luc Bondy, Jürgen Flimm und die gesamte Theaterwelt trauern um sie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar