Kultur : Ein Leben im Widerstreit

HANS-MARTIN SCHÖNHERR-MANN

Zum Tod des französischen Philosophen Jean François LyotardVON HANS-MARTIN SCHÖNHERR-MANNAls 1983 unter der Präsidentschaft François Mitterands das Collège International de Philosophie als interdisziplinäres Lehr- und Forschungszentrum eingerichtet wurde, erhielt zunächst Jacques Derrida die Leitung und dann Jean-François Lyotard.Damit fand eine der wichtigsten philosophischen Strömungen des Jahrhunderts, der Poststrukturalismus, quasi offizielle Anerkennung. Der am 10.August 1924 in Versailles geborene Lyotard hatte das zeitgenössische Denken wenige Jahre zuvor durch einen Begriff bereichert, der bis heute ein Reizwort darstellt: Die Postmoderne als philosophisches Bewußtsein einer Zeit des Niedergangs der politischen Ideologien, der verbindlichen ethischen Werte, der gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnis - mit einem Wort: als das Ende des Fortschrittbewußtseins.Kein Wunder, wenn in Deutschland die von Jürgen Habermas angeführte akademische Linke in der postmodernen Philosophie plötzlich ihren Hauptfeind erblickte. Warum aber wurde diese philosophische Strömung dann in Frankreich gerade von den Sozialisten gefördert? Das Leben Jean-François Lyotards könnte auf diese Frage eine Antwort geben.Nach dem Studium war er zwischen 1950 und 1952 zunächst Lehrer an einem Gymnasium in der damaligen französischen Kolonie Algerien und machte erste politische Erfahrungen mit dem dortigen Widerstand.Während seiner Assistenzzeit an der Sorbonne (1959-1966) schloß er sich der radikal marxistischen Gruppe um die Zeitschrift "Socialisme ou Barbarie" an, die sowohl antistalinistisch als auch antikapitalistisch orientiert war.Doch Lyotards politisches Engagement war grundsätzlich antidogmatisch ausgerichtet.Trotzdem verstand Lyotard seine Philosophie und seine Tätigkeit als Hochschullehrer - bis 1987 lehrte er an der Universität von Paris-Vincennes - immer als politisches Engagement. Es verwundert daher auch nicht, daß Lyotard ein Buch aus seinem umfänglichen Oeuvre als sein Hauptwerk begreift, das "Der Widerstreit" heißt und 1983 in Paris erschien.Es entwirft im Anschluß an Kant und Wittgenstein seine politische Philosophie und stellt zugleich die ausdifferenzierteste Position einer politischen Theorie der Postmoderne dar.Wenn die - wie Lyotard sie nannte - "großen Erzählungen" der Moderne vom vernünftigen Subjekt, vom wissenschaftlichen, technischen und sozialen Fortschritt ihre Überzeugungskraft verloren haben, dann kann auch die Politik ihre leitendeund sozial ordnende Funktion nicht mehr ausfüllen.Politik wird zum Ort des Widerstreits, den es in einer pluralen Welt der vielen Sprachen, der unüberwindbaren Differenzen, der unterschiedlichsten Lebensformen auszuhalten gilt. Man hat Lyotard sowohl Irrationalismus vorgeworfen als auch eine gewisse amoralische Haltung.Doch einerseits wendet er sich explizit gegen die kapitalistische Vorherrschaft des Marktes: Auch die Hegemonie der Ökonomie entspricht nicht der Pluralität der Sprach- und Lebensformen und ist imgrunde unmoralisch.Andererseits beseelte ihn immer schon ein beinahe kantischer Rigorismus, was die politische Moral angeht, der von hoher Konsequenz und einer prinzipiellen Ablehnung politischer Gewalt geprägt ist.Für ihn war die postmoderne Philosophie, besser die Philosophie des Widerstreits und der Differenz, die einzige mögliche Fortsetzung sozialen und politischen Denkens nach dem Niedergang des Marxismus.Dementsprechend lauten die letzten Worte seines programmatischen Buches "Das postmoderne Wissen": "Es zeichnet sich eine Politik ab, in der der Wunsch nach Gerechtigkeit und der nach Unbekanntem gleichermaßen respektiert sein werden."

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